Wirtschaft

Wohnen und Arbeiten von Jürgen Mayer H. in Jena

Jürgen Mayer-H in Jena

Nicht in Berlin, sondern in Jena gelingt Jürgen Mayer H. mit der Zentrale der Wohnungsgenossenschaft Carl Zeiss ein innerstädtisches mischgenutztes Ensemble, das auch dem BauNetz die Sprache verschlägt, wenn es „Sonniges Schwarz-Weiß” titelt. Die Fotos von David Franck zeigen einen Ort, bei dem man sich „plötzlich in einem Schwarz-Weiß-Film wähnt”. Hiermit ist Jürgen Mayer H. ein Blick in die Zukunft der Architektur gelungen, die er im Beitrag vom März 2013 beschreibt. Während sich in den Gebäuden Büros, Geschäfte und Wohnungen mischen, wird die Anlage im Gefüge der Umgebung zu einer Passage, welche die Stadt neu erschließt und den Passanten neue ästhetische Erfahrungen machen lässt.

Jürgen Mayer H. in Jena2

Unwirtlichkeit, Version 2.0

„Mietpreisbremse” ist das aktuelle Reizwort, wenn über Stadtentwicklung in Deutschland diskutiert wird. Einerseits gab es mit 45 Quadratmetern pro Kopf nie zuvor mehr Wohnraum in Deutschland, dessen Qualität besser ist als je zuvor, andererseits wird geklagt über zu hohe Mieten. Doch die Mietsteigerungen sind im Schnitt der letzten 15 Jahre sogar unter dem Inflationsniveau geblieben. Also alles nur eine falsche Wahrnehmung, die letztlich zu gesetzlichen Regelungen führte, über deren Wirkung noch niemand urteilen kann? Schlimmer noch: Sind die Mietpreisspiegel, die den Angelpunkt für die Bremse darstellen sollen „unwissenschaftlich”, möglicherweise zwischen Interessengruppen ausbaldowert worden, wie das Amtsgericht Charlottenburg urteilte? In Berlin tritt die Mietpreisbremse am 1. Juni in Kraft. Man kann Wetten abschließen, ob es Tage oder Wochen dauert, bis die erste Klage eines Vermieters gegen die Bremse eingereicht werden wird.

Das Unwohlsein an der Stadtentwicklung in Deutschland macht sich an München, Hamburg und Berlin fest. „Die Innenstädte werden von Gutverdienern erobert”, kommentierte die Grünen-Abgeordnete Katrin-Göring-Eckardt. Sie riet zu „Leitplanken, um die soziale Mischung zu erhalten”. Bei CDU, SPD und Linke gab es ähnliche Forderungen. Die FDP lehnte Mietpreisdeckelungen ab. Dafür seien „Klimaschutz und Energieeinsparung zentrale Handlungsfelder. Wir wollen Wohnen energieeffizienter machen und den CO2-Ausstoß wirksam und dauerhaft senken.” Das unterschreiben auch alle anderen Parteien. Und doch haben wir jetzt „Mietpreisbremse” und „Bestellerprinzip”. Der Berliner Senat wendet die Bestimmungen ab 1. Juni an. Dass das helfen werde, glauben wenige und so ist in Berlin eine Gruppe von Mieterschützern angetreten, die zur Abgeordnetenhauswahl 2016 über einen „Berliner Mieten Volksentscheid” abstimmen lassen will. Dabei geht es um die Schaffung eines Wohnraumförderfonds, die Umwandlung der städtischen Wohnungsbaugesellschaften in Anstalten öffentlichen Rechts sowie die Gestaltung der Miethöhe öffentlich geförderter Wohnungen in Abhängigkeit vom Einkommen der Mieter.

Da ginge es dann ans Eingemachte, und der Finanzsenator sieht künftigen Spielraum schwinden. Letztendlich führen fast alle Maßnahmen, welche die Kosten des Wohnens umverteilen wollen, zu einer Zementierung der Situation zu Gunsten jener, die heute eine Wohnung haben. Umzüge finden in nachgefragten Gegenden nur noch selten statt. Stadtentwicklung, die auf demografischen und wirtschaftlichen Wandel reagieren müsste, lässt sich so nicht sinnvoll betreiben. Und es läuft schon sehr lange nicht mehr gut in deutschen Städten.

Margret und Alexander Mitscherlich beklagten bereits 1965 „Die Unwirtlichkeit unserer Städte” in der Bundesrepublik. Während Städte früher integrierte Lebens- und Arbeitsräume geboten hätten, wären sie inzwischen„funktionell entmischt”: Nicht erst seit dem Bau von Trabantenstädten seien Wohnen und Arbeiten auf verschiedene Stadtteile aufgeteilt. Wer es sich leisten könne, kaufe ein Stück Natur und ziehe aufs Land. In der Vorortvilla sahen Mitscherlichs die „Demonstration der monetären Potenz” einer einzelnen Familie.- Heute zeugen Town- oder Penthouses mit PKW-Aufzug von der wirtschaftlichen Überlegenheit ihrer Bewohner.

Nur hatte die funktionale Entmischung doch eigentlich gar nichts mit den Wohnverhältnissen zu tun. Sie ist quasi als Kollateralschaden des massenhaften Wohnungsbaus „passiert”. Die Mitscherlichs hatten die europäische Stadt der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Referenz vor Augen: Boulevards gesäumt von fünf- bis sechsgeschossigen Häusern, in denen auf Straßenniveau Läden sind, Kanzleien und Praxen im ersten Geschoss, hinter der Tordurchfahrt im Hof Handwerker und Händler, darüber die Seitenflügel der großen Wohnungen aus dem Vorderhaus und schließlich in Hinterhöfen kleinere bis kleinste Wohnungen. Ganz hinten gab es vielleicht auch noch einen Kuhstall, einen so genannten Abmelkbetrieb. In Berlin haben die letzten dieser urbanen Agrarbetriebe erst Ende der 70er Jahre des 20. Jh. geschlossen.

Im Grunde wurden in der Stadtentwicklung angesichts tatsächlich unzumutbarer Zustände und einer Sprachlosigkeit zwischen den sozialen Milieus, in gut demokratischer Manier die Interessen geordnet und gebündelt. Und zwar in einer Weise, dass wirklich jede Interessengruppe gefördert wurde. Aber die unzumutbaren Zustände wurden nicht verbessert, es wurden keine Kompromisse ausgehandelt. Es wurden gegenseitige Störungen durch Emissionen oder Betriebsabläufe einfach eliminiert: Einzelhandel kam zu Einzelhandel, Kanzlei zu Kanzlei, Handwerk zu Handwerk. Und wenn Lebensmittelproduktion möglichst weit weg von arbeitenden und wohnenden Menschen geschieht, dann erhält sie heute ein BIO-Zertifikat. Zurück blieben Menschen in reinen „Wohnvierteln” der klein-, mittel- oder großbürgerlichen Art.

Für das Fördern der Gruppeninteressen ist der Begriff der „Solidarität” von essentieller Bedeutung. Der Soziologe Richard Sennett beschreibt in seinem Buch „Zusammenarbeit – Was unsere Gesellschaft zusammenhält” die zentrifugalen Kräfte der dialektischen Erklärungsmuster, mit denen man Gruppen formen und gegeneinander aufstellen kann. In der Stadtentwicklung nennt sich das „Segregation”. Mit dialogischen Mustern dagegen erreiche man Ziele, wie jene der „Kooperation”, die im überschaubaren gesellschaftlichen Rahmen ertragreichere und nachhaltigere Ergebnisse mit sich bringen können. Da wären wir wieder bei der verdichteten, integrierten Stadt, in der die Zustände durch Dialog verbessert werden könnten.

Das allgemein geäusserte Unwohlsein am Status quo der Stadtentwicklung in Mitteleuropa heute basiert auf der Erkenntnis, dass die räumlichen Trennungen von urbanen Funktionen und sozialen Gruppen mit enormen Kosten hinsichtlich Land- und Ressourcenverbrauch, Verkehrs- und CO2-Belastungen einhergehen. Unsere Städte könnten Wachstums- und Innovationsmotoren sein, wenn sie nur im kooperativen Sinne funktionieren würden. Doch jegliche Reparaturversuche mittels Wohnraumförderung oder Wohnungs-Regulierungen gehen wieder nur in Richtung der Befriedigung von Klientelen mit der Folge weiterer Segregation.

Gibt es also ein Modell, das „zukunftsfest” ist? In Jonas Geist und Klaus Kürvers dreibändigen Standardwerk über „Das Berliner Mietshaus” werden die gegen Ende des 19. Jh. gängigen Rentenmodelle aus verdichtetem und gemischten Wohnen und Arbeiten als ein durchaus erträgliches und nachhaltiges Unternehmenskonzept beschrieben.

Wenn sich langfristig Renditen zwischen drei und vier Prozent erwirtschaften ließen, müssten solche Modelle für Anlagemöglichkeiten suchendes Kapital etwa der Lebensversicherer interessant sein. Was fehlt, sind einerseits private und kommunale Wohnungsunternehmen sowie Genossenschaften, die sich auf gemischte Projekte einlassen und eine Bauleitplanung der Städte andererseits, welche die gemischten Formen fordert. Gefordert, aber auch weiterhin gefördert werden müssten alle Maßnahmen, die zur langfristigen Senkung der vom Wohnen ausgehenden Kohlendioxid-Belastungen sowie zur Senkung der Energiekosten der Bewohner beitragen. Dienstleister wie die Berliner Energieagentur beweisen, wie sinnvoll Außenflächen von Gebäuden für Photovoltaik genutzt und in Verbindung mit kleinen Blockheizkraftwerken gewinnbringend zum Energiehaushalt der Kommunen beitragen können.

In Berlin gibt es seit April ein „Modell der kooperativen Baulandentwicklung”, das als Leitlinie für den Abschluss städtebaulicher Verträge 25 Prozent der neu entstehenden Wohnungen mit Mietpreis- und Belegungsbindungen versehen will. Noch ist kein solcher Vertrag geschlossen worden.
In Düsseldorf hingegen gibt es seit 2013 ein Konzept, nach dem Neubauprojekte, die auf einem Bebauungsplan basieren, 20 Prozent sozial geförderte Wohnungen enthalten. Außerdem wird den Bauherren für weitere 20 Prozent der Wohnungen eine preisgedämpfte Kaltmiete verordnet. Deren Preis wird für zehn Jahre, indexiert mit der Inflationsrate, festgeschrieben.

Vorstellbar wäre es doch aber auch, weitere 20 Prozent der Flächen für Gewerbe- und Dienstleistungsnutzungen festzuschreiben. Blieben immerhin noch 40 Prozent für luxuriöses Wohnen. Das Gewerbe könnte sich natürlich auch auf das Wohnen ausrichten: Servicedienste, Pflegedienstleister, Kindertagesstätten, Gastronomie. Bewirtschaftete Appartements für die kurzzeitige Vermietung (Airbnb!) sind denkbar, mit einem Concierge, der auch für das gehobene Wohnen als Kümmerer zuständig ist. – Vorstellbar wäre, die Installation von Energie erzeugenden Anlagen festzuschreiben und damit gleichzeitig auch die Installation von Ladesäulen für das E-Car-Sharing. So werden wieder einige Stellplätze überflüssig, Flächen, die in die Grünbilanz eingerechnet werden könnten, wenn auf ihnen professionelles urban farming betrieben wird. Das ist kein zukunftsfernes Ökotopia, alle diese Beispiele sind in Europa an verschiedenen Orten bereits wirtschaftlich tragfähige Realitäten.

Was die Entwicklung bremst, sind Wohnungswirtschaft und Wohnungspolitik, für die Verwaltung und Erhaltung sogenannt bewährter Handlungsmuster im Vordergrund stehen. Für Kooperation mit innovativen Dienstleistern, mit Baugruppen oder auch einem privaten Bauherren, der sich ein „Rentenhaus” bauen will, fehlt das Personal. Der Politik fehlt der Mut, den Stadtbewohnern auch erklären zu müssen, dass sie in den vergangenen 60 Jahren ihre Städte in eine Sackgasse manövriert hat. Aber weiterhin werden vollmundig 6,50 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter gefordert, während die Neubaukosten vielerorts 11 Euro zur logischen Folge haben.

„Werft die Politiker aus den Wohnungen” titelte trotzig die FAZ am 8. März, über jene Entscheider, welche die Voraussetzungen für Kostensteigerungen geschaffen haben: In allen Bundesländern wurde die Grunderwerbsteuer angehoben. Die sogenannten Anpassungen der Energieeinsparverordnung EnEv erreichen mit vervielfachten Kosten eine wenige Prozent höhere Einsparung an CO2-Emissionen, Investitionen, die sich auch in Jahrzehnten nicht rechnen. Das Grundsteuersystem trägt ebenfalls zur Steigerung der Mietpreise bei. Schließlich wurden die Abschreibungsmöglichkeiten der Bauherren auf zwei Prozent gesenkt. Sinnvoll wären vier Prozent, wenn private Investitionen gewollt sind. Ganz zu schweigen von Stellplatzverordnungen in Stadtgebieten, die mit dem PKW oft schon nicht mehr erreichbar sind. Zumindest in diesem Punkt verzichtet Berlin auf unsinnig kostentreibende „Wohnungsausstattungen”.

Nach Ansicht des Mieterbundes müssen jährlich 400.000 Wohnungen neu gebaut werden. Die Prognosen der Bundesregierung seien viel zu niedrig, sie berücksichtigten nicht den wachsenden Zustrom von Flüchtlingen und den Trend zu kleineren Haushalten. Die Bundesregierung stützt sich auf Untersuchungen des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR). Dieses hatte ursprünglich kalkuliert, dass der Neubau von 185.000 Wohnungen in den Jahren 2016 bis 2020 ausreichend sein würde. Zuletzt hatte das Institut seine Prognose nach oben korrigiert. Nun glauben die Experten, dass zwischen 2015 und 2020 jährlich 272.000 Wohnungen neu gebaut werden müssen. Der GdW, Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen, fordert jährlich 320.000 neue Wohnungen.

Man stelle sich das vor: Jedes Jahr zwanzig neue Trabantensiedlungen wie in den siebziger Jahren? Und zwar nicht verteilt über das ganze Land, sondern an den wenigen Hotspots der Wohnungsnachfrage, während andernorts im „Wolfserwartungsland” die Infrastrukturen gekappt werden. Das wäre die Unwirtlichkeit unserer Städte als Programm, Version 2.0, also nichts gelernt.

Es gibt viele Wege, die neue „Wohnungsfrage” und eine Stadtentwicklung, die diesen Namen verdient, gemeinsam voranzubringen: Kleine Projekte zuerst, kleine technische Infrastrukturen, Vielfalt vor Uniformität, Bauhandwerk vor Bauindustrie und vor allem eine große Mischung aus Funktionen und Qualitäten.

Wie Online-Kommunikation Favelas gesellschaftsfähig macht

Dunkel und minus 4 Grad kalt war es am 22. Januar abends in der Berliner Schumannstraße, wo das Gebäude der Heinrich-Böll-Siftung steht. Sonnig und 34 Grad warm war es zur selben Zeit in der Favela Rocinha in Rio de Janeiro, aus der Marina Moreira, Michel und Michele Silva https://www.facebook.com/VivaRocinha #favelasonline in der Böll-Stiftung sowie Tiago Bastos aus der Complexo do Alemao über Twitter in den Saal mit etwa 80 Interessierten kommunizierten. Die waren gekommen, um mehr über den Wandel durch das Internet in den Armenvierteln von Rio de Janeiro zu erfahren. Die Journalistinnen Sonja Peteranderl und Julia Jaroschewski hatten 2013 in der Favela Rocinha gewohnt, die Lebensbedingungen und die Veränderungen beobachtet, nachdem die Unidade de Policia Pacificadora, die „Befriedungspolizei” UPP sich dort festgesetzt und die bis dato herrschenden Drogenhändler veranlassten, sich zumindest von den Straßen und Gassen zurückzuziehen. „Man sieht sie nicht mehr, aber sie sind noch da, man spricht nicht darüber”, erklärte Sonja Peteranderl. Es wird in Rio viel diskutiert, ob die „Schmusepolizei” lediglich zur Befriedung der um die touristisch relevanten Regionen Rios gelegenen 200 Favelas anlässlich der Fußball-WM eingesetzt wurden, während 800 weitere Favelas weiter sich selbst, beziehungsweise den Drogengangstern überlassen bleiben. http://buzzingcities.net/

Mit der UPP drangen auch die Internetprovider in die bis dahin auf Karten als „Morro”, also „Berg” bezeichneten Armenviertel Rios ein, die gut ein Viertel der Bewohner der Stadt behausen. Mit Sonderkonditionen wie Tagestarifen gelang es den Gesellschaften, schnell eine Vernetzung von über 75 Prozent der vorwiegend jungen Bewohner der Favelas zu generieren. Das mobilie Telefon ist der vorwiegende Netzzugang. „G3 funktioniert nur selten” twitterte Tiagi Bastos, „W-Lan in vielen Häusern” ist die Lösung. Die neue Kommunikationsinfrastruktur wurde alsbald von einer neuen Generation von Onlinejournalisten genutzt, zu denen auch die verbundenen Twitterer zählen. Sie kommunizieren den Alltag aus den Favelas zu deren Bewohner, aber natürlich auch zu jenen Einwohnern Rios, für welche die Favelas als gefährliche Orte galten, die man nicht aufsucht. So tauchen Berichte aus den und über die Favelas zunehmend in den etablierten Medien auf. Die Favela-Journalisten vertreten dabei durchaus die Interessen der Bewohner. Als im Juli der Mauerer Amarildo de Sonza nach einer Verhaftung durch die UPP verschwunden blieb, berichteten die Favela-Journalisten, forderten Aufklärung, organisierten öffentlichen Druck und erreichten schließlich eine Untersuchung, bei der festgestellt wurde, dass Amarildo gefoltert wurde, an den Folgen starb und die Leiche beseitigt worden war. Zwei Dutzend Polizisten der UPP wurden angeklagt, der Chef der UPP-Rocinha musste gehen.

Ein Wiki-Mapa-Projekt mit sechzehn Reportern arbeitet an der virtuellen Verortung der Favelas. Die Wikireporter sind zwischen 16 und 25 Jahre alt, internetaffine Jugendliche und junge Erwachsene, die einem dreitägigen Workshop lernen mit dem Handy Fotos aufzunehmen und Videos zu produzieren, mit der Wikimapa-Webseite und der App umzugehen, mit der sie Fotos und Informationen aus den Favelas verorten. Die virtuellen Karten sollen nicht nur den Blick von außen verändern, sondern wirken auch nach innen: Die Favelabewohner entdecken vieles, was sie selbst noch nicht kannten – und manche Geschäftsinhaber hoffen, dass der Eintrag kostenlose Werbung für sie ist. (http://favelawatchblog.com)

Und in der Tat werden kleine Gewerbe, Handwerker, Händler, Dienstleister und Restaurants sichtbar, erzeugen auf Gemeinschafts- oder eigenen facebook-Seiten Aufmerksamkeit für ihre Angebote. Dies zieht wiederum potenzielle Kunden an, die vorher die Favelas noch nie betreten hatten. So kann man aktuell beobachten, wie durch die Online-Kommunikation ein dynamischer Markt entsteht.
Nur lässt der neue Markt sich nicht auf folkloristische Nieschen beschränken: Schon ist von einer Gentrifizierung der größten Favela Rocinha die Rede. Zuerst wurden Übernachtungsmöglichkeiten mit Blick auf die Strände angeboten. Dann wurden erste Favela-Grundstücke gehandelt. Hostels entstanden. In einem Artikel für die WELT beschrieb Julia Jaroschewski das spekulative Geschäft http://www.welt.de/wirtschaft/article122750372/Auslaender-gentrifizieren-die-brasilianischen-Favelas.html

Bei Favelabewohnern, die beobachten, dass sich die Drogengangs jetzt bewusst ruhig verhalten, besteht die Angst, dass nach WM und Olympia die Kriminalität wieder Oberhand gewinnen könnte. Andererseits setzen die neuen Kommunikationsmöglichkeiten viel neue Kreativität frei, die den Wandel beschleunigen wird. Das bedeutet aber nicht, dass die Favelabewohner nun zu ausschließlich produktiven Krawattenträgern würden. Mit der Onlinekommunikation entstand zum Beispiel auch eine neue gemeinschaftliche Ausdrucksform: der Rolenzinho. Dabei besuchen Jugendliche teure Einkaufszentren nicht zum Einkaufen, sondern, um Atmosphäre zu geniessen und sich selbst darzustellen. Das Wort Rolenzinho ist nicht übersetzbar. Die Twitterer aus Rio berichteten auch hier schon wieder von Differenzierung: „Rolenzinho für Arme ist Arrastao (Tumult am Strand, um etwas im Chaos zu klauen), Rolenzinho für Reiche ist Flashmob.” Wie das am Strand aussieht, zeigt ein Video vom November: http://youtu.be/VRn6CDwAZp0

Twitter-Dialog Berlin-Rio an die Wand gebeamt

Twitter-Dialog Berlin-Rio an die Wand gebeamt

Wachsende Stadt bittet um „Investorenkultur”

In der ehemaligen Abflughalle des Flughafen Tempelhof wurden eine Bühne aufgebaut und Stühle in Reih und Glied gestellt für eine weitere „Standortkonferenz Tempelhofer Freiheit”. Ein hohes Stockwerk darüber, im ehemaligen Flughafenrestaurant, diskutierten derweil etwa 80 Mitglieder des ULI (Urban Land Institute) aus allen Ecken Europas bei einem Urban Leader Forum über diese schwer verständliche Boomstadt Berlin. Die Merheit der ULI-Mitglieder sind CEOs der Wohnungswirtschaft – vulgo Investoren – ein kleinerer Teil sind leitende Kommunalbeamte und Planer, und so diskutierte man abschließend, ob die Städte, gemeint war aber Berlin, eine neue „Investorenkultur” brauchen würden. Die kommunale Seite wurde von Berlins Senatsbaudirektorin Regula Lüscher und dem Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, Hans Panhoff, vertreten.

Während Lüscher die Perspektiven des Wachstums der Stadt beschrieb und Planungsansätze für neue soziale und funktionale Mischung als Anreiz für einen „neuen Typ von Investor” anpries, mochte sich der Baustadrat dem so nicht stellen, hatte schon „Bauchschmerzen bei städtebaulichen Verträgen”, die als Bestechung bei der Vergabe von Grundstücken und Baurechten interpretiert werden könnten. Werde neu gebaut, stiegen die Preise im Kiez und es würde die angestammte Bevölkerung verdrängt durch die dann insgesamt Jüngeren und Besserverdienenden. „Aber die wollen ihre Kinder dann auch in eine Schule schicken, die wir aber nicht haben”, argumentierte Panhoff. – Also besser keine Entwicklung im Kiez? Der Baustadtrat formulierte ein „Jein”, so dass Frank Billard, Vorstand von Union Investment Real Estate mit Gefasstheit fragte, „Investorenkultur ist dann also, wenn man einen Kindergarten ohne Bedingungen schenkt?”

Der Versuch, Bezirke wie Kreuzberg vor Zuzug und Nachfrage abschotten zu wollen, sei sinnlos, meinte Michael Spies, Europachef von TishmanSpeyer aus London mit einem Jahrzehnt Berlin-Erfahrung, das Spannende hier ergäbe sich gerade aus dem Druck und dem ständigen Wandel. Verglichen mit München, Frankfurt und Hamburg ist Berlin eine arme Stadt, die größte Ressource seien die jungen Menschen, die nach Berlin zögen, meinte Jean-François Ott, Chef von ORCO-Germany, und dadurch werde die Stadt mittelfristig aufholen, aber sich lange noch nicht den Miet- und Quadratmeterpreisen von München und Hamburg annähern, die im europäischen Vergleich noch im Mittelfeld liegen.

Die Blicke der Teilnehmer schweiften immer wieder aus dem Ex-Restaurant über das weite Tempelhofer Feld, auf dem sich in der Dämmerung drei oder vier Spaziergänger ausmachen ließen. Greg Ward, Direktor der Wirtschaftsentwicklungsgesellschaft von Edinburgh, wiegte den Kopf, „das ist drei Mal der Central Park von New York, und hier ist mit dem leeren Flughafen der größte Baukörper Europas. Wo ist Euer Problem?” Dass eine Landesbibliothek gleich nebenan neu gebaut werden soll, konnte der Schotte überhaupt nicht verstehen. Sei Berlin denn nun arm oder reich? Fehlten Architekten, die eine solche Bibliothek im Flughafen unterbringen könnten? Warum gibt es keine jungen Unternehmen, die in den übrigen Gebäuden arbeiten? Warum werden keine Wohnungen hier rund um einen verbleibenden Central Park gebaut? Wohnen, Arbeiten, Freizeit, alles sei hier an einem Ort realisierbar, man bräuchte kein Auto. Verdrängen würden die neuen Bewohner lediglich das Nichts…

Beim Verlassen der Veranstaltung werden in der Abflughalle die Mikrofone für die Standortkonferenz eingepegelt, „One, two, one, two, eins, eins eins…”. Nach vielen Jahren der Beobachtung der Berliner Kommunalpolitik wächst in mir die Überzeugung, dass man hier nicht in der Lage ist, eins und eins zusammenzuzählen: Junge und qualifizierte Menschen drängen in die Stadt, wollen hier arbeiten und wohnen. Wer hier wohnt und arbeitet und konsumiert, zahlt vielfältigste Steuern. Da kommen schon vom Wanderungssaldo eines Jahres sehr große Summen zusammen, für die man locker eine Handvoll Schulen und Kindergärten bauen kann. Doch „Die Auseinandersetzungen um das Tempelhofer Feld nehmen an Schärfe zu”, berichtet heute „Der Tagesspiegel” über die Standortkonferenz. Von 4.500 Wohnungen ist die Rede. Die würden nicht mal für die Zuwanderung eines Jahres reichen. Und von der neuen Landesbibliothek ist die Rede, aber nicht von den existierenden Flughafengebäuden. Eins und eins macht hier noch immer: Nichts!

Metropolenarchipel im Wolfserwartungsland

„Wolfserwartungsland”, sagte Manfred Kühn, der das  Projekt Regenerierung von Städten am IRS in Erkner bei Berlin leitet und erntete Beifall für die überspitzte, aber heute bereits denkbare Entwicklungsperspektive für ländliche Räume, aus denen sich auch die Landwirte zurückgezogen haben. „Schrumpfende Regionen – Wachsende Städte, gibt es neue Perspektiven im demografischen Wandel?” wurde in der Heinrich-Böll-Stiftung in der vergangenen Woche gefragt.

Kunzmann_2011Wir erleben beide Phänomene gleichzeitig, gerade in der Berliner Region oft nur zehn Kilometer voneinander entfernt. Das Problem ist immer, dass Menschen aus ihrer angestammten Umgehung fortziehen müssen, weil sie zum Beispiel verdrängt werden von Wohnungssuchenden, die gern das Doppelte an Miete bezahlen als sie selbst bezahlen können. Meist werden sie aus den Innenstädten an den Stadtrand verdrängt, wo in den 60er und 70er Jahren vielgeschossige Wohnsiedlungen entstanden waren. Oder sie müssen aus einer grünen und ursprünglichen Landschaft in eben diese Stadtrandsilos umziehen, weil es auf dem Land niemand mehr gibt, der sie versorgt, kein Arzt, der im Notfall hilft, in Gegenden, wo schon wieder erste Wolfsrudel gesichtet wurden. Beide Effekte nennen sich „soziale Segregation”, das Zerlegen der Gesellschaft in jene Gruppen, die sich was leisten können und solche, die das nicht können. Das Bild der Landschaft, der Dörfer und Städte verändert sich dadurch.

„Wolfserwartungsland will natürlich niemand”, sagt auch Petra Klug, die bei der Bertelsmannstiftung das Projekt LebensWerte Kommunen managt und setzt dem ein „regrowing smaller” entgegen. Sie zielt damit auch auf Kommunen wie Erkner, das schrumpft, obwohl es ans Berliner S-Bahnsystem angebunden ist. Warum profitiert Erkner nicht vom Wachstum der Metropole in der Mark Brandenburg, die in den nächsten 15 Jahren noch einmal um eine Viertelmillion Einwohner wachsen wird? Potsdam im Südwesten Berlins hat überdurchschnittliche Wachstumsraten. „Familienfreundlichkeit” sei ein Schlüssel, sagt Petra Klug. Eine „interkommunale Vernetzung” besonders in Bereichen Bildung und Gesundheitswesen, seien weitere Maßnahmen, um in ländlichen Regionen der Abstimmung mit den Füßen Einhalt zu gebieten. Eine Vernetzung mit Berlin aber ist für Erkner praktisch nicht möglich. Die gemeinsame Landesplanung Berlin-Brandenburg ist im letzten Jahrzehnt an nicht kompatiblen Schnittstellen von Berliner Bezirken und Brandenburgischen Landkreisen praktisch gescheitert: Kindergarteneinzugsgebiete waren schließlich kein Thema für die Landesregierungen, die sich schon bei Überflugrouten lieber gegenseitig ausstechen.

In einen größeren Maßstab rückt die Grünen-Bundestagsabgeordnete Katja Dörner, Mitglied im Haushaltsausschuss das Phänomen von gleichzeitiger Schrumpfung und Wachstum – für 2014 wird für die Bundesrepublik ein Wachstumssaldo von 400.000 Menschen prognostiziert! – Es gehe um „Anpassungen”: Das Bundesministerium für Landwirtschaft müsse sich endlich auch für Stadtentwicklung im ländlichen Raum zuständig erklären, so wie jenes für Bau und Verkehr zuständige Stadtentwicklungsministerium sich auch für urbane Infrastrukturen in ländlichen Räumen zu interessieren habe. In Norwegen, wo die Räume noch weitaus dünner besiedelt sind, funktioniert das schließlich auch: Für Stipendien verpflichten sich junge Ärzte auf’s dünn besiedelte Land. Und für Schüler, die auf’s Gymnasium gehen, werden Internats-Lösungen angeboten. So bleibt auf dem Land ein demografisches Gleichgewicht erhalten, weil niemand zur Flucht gezwungen wird.

Bei den Anpassungen solle es aber nicht um einen Status quo gehen, wird Einigkeit erzielt, es müsse etwas wirklich Neues entstehen. So wird in der Mittagspause unter Teilnehmern etwas andiskutiert, das sich wie das Universal Design in der Architektur – die Nutzbarkeit von Gebäuden für alle menschlichen Lebensphasen –  auf die Raumentwicklung im gesamten Land bezieht: Die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse auf einem kleinen gemeinsamen Nenner beinhaltet Breitbandverkabelung, Bildungsangebote über das Internet, medizinische Grundversorgung durch Krankenschwestern und ärztliche Ferndiagnostik, die Dezentralisierung von Infrastrukturen von Energie und Wasser.

In der Arbeitsgruppe zu den wachsenden Städten stellte Rainer Danielzyk, Geschäftsführer des Nordrhein-Westfälischen Instituts für Landes- und Stadtentwicklungsforschung den Begriff der Reurbanisierung der Kernstädte in den Mittelpunkt seiner Betrachtung. Reurbanisierung werde begünstigt durch Individualisierung und stadtaffine Lebensstile der wirtschaftlich aktiven Bevölkerungsgruppen. Allerdings gibt es dieses Wachstum praktisch nur in Universitäts- und Fachhochschulstädten. Dort ist weiterhin auch eine Familienzuwanderung zu verzeichnen sowie ein Wachstum durch Migration. Das sei das Ideal der „Europäischen Stadt”, das Danielzyk mit einer Grafik von Klaus R. Kunzmann illustrierte.

Alles gehört dazu, zum „Archipel der europäischen Stadtregion”, das gentrifizierte Stadtquartier wie das Quartier des kreativen Prekariats, das zur nächsten Gentrifizierung ansteht, während sich das Hochsicherheits-Arcadia zwischen Freizeit- und Gesundheitskomplexen ansiedelt. Die Frage ist nur, wie weit man diese Funktionen herunterskalieren kann, ob sie auch innerhalb eines Stadtviertels funktionieren könnten?

Die Stadtplanerin Franziska Eichstädt-Bohlig, die das Thema der lebenswerten Großstadt seit den 70er Jahren bereits auf allen politischen Ebenen durchdekliniert hat, stellte fünf Kriterien auf, die ein Wachstum nicht zum k.o.-Kriterium für breite Einwohnerschichten werden lassen: Erstens müsse die Stadt bezahlbar bleiben, besonders als Wohnort. – Zweitens: Mischung von Nutzungen und sozialen Gruppen. Nur so erreiche man das Bild einer europäischen Stadt und nicht ein Konglomerat von Siedlungen. Dichte und Durchgrünung, private Freiflächen und Möbel, sprich Bänke im öffentlichen Raum. – Drittens: Eine „Self-Made-City” mit Planungsverfahren, welche eine Eigentümer- und eine Nutzungsmischung begünstigen. Eigeninitiative, Selbsthilfe und Baugruppen seine zu fördern, urban gardening in seinen vielfältigen Erscheinungsformen sei zu fördern. – Viertens: Integration und sozialer Zusammenhalt sind zu stärken. – Fünftens: Als dauernde Aufgabe sind die Infrastrukturen immer wieder anzupassen. Bildungswesen, Gesundheitswesen, gemeinschaftliche Wohnformen müssten flexibel im Gebäudebestand wachsen und schrumpfen können. Neue Betrachtungsweisen jenseits von Ressortgrenzen wären dafür notwendig.

Berlin mit 54,3 Prozent Singlehaushalten, nur noch16,7 Prozent klassische Familienhaushalte mit drei und mehr Mitgliedern sowie ein Migrationshintergrund bei 27,4 Prozent der Haushalte hat gar keine andere Möglichkeit als diese Andersartigkeit als Chance zu begreifen und das Neue auszuprobieren.

Wer führt die Städte aus der Sackgasse?

Die großen Städte in Deutschland stecken tief in der Zukunftskrise – und sie merken es teilweise noch nicht einmal. Oder sie hoffen, die Krise mit Mitteln bekämpfen zu können, die sich seit 60 Jahren eigentlich nicht wirklich bewährt haben, sondern im Gegenteil, die Krise durch Funktionsverluste und Segregation erst herbeiführten. Zu diskutieren ist jetzt ein Neuansatz in der Stadtentwicklungs- und Wohnungspolitik, der sowohl Altbewährtes und Vergessenes als auch Innovatives einschließt.

Berliner Liste – Mieter*innen stressen zurück” ist ein Blog betitelt, auf dem seit April 2013 Adressen von Eigentümern, Investoren, Projektentwicklern, Hausverwaltungen, Wohnungsbaugesellschaften, Justiz und Polizei, Politik sowie Unterstützer, Lobbyisten und Think Tanks aufgeführt sind, die „ungestört zusammenarbeiten” um ihr „verhältnismäßig sicheres Geschäft” zu betreiben. „Die Eigentümer werden immer reicher, da sie mehr Miete verlangen, und den Menschen mit geringen Einkommen bleibt noch weniger als ohnehin schon. Das Recht auf Eigentum ist in der kapitalistischen Stadt wichtiger als das Recht auf Wohnen”, schreiben die Aktivisten ohne Impressum. Immer häufiger zerbrechen Fensterscheiben, klatschen Farbbeutel an Fassaden oder brennt es bei den aufgeführten Adressen. Der Staatsschutz ermittelt.

„Die Innenstädte werden von Gutverdienern erobert”, kommentiert die Grünen-Spitzenkandidatin Katrin-Göring-Eckardt im Tagesspiegel Ende Juli 2013. Sie rät zu „Leitplanken, um die soziale Mischung zu erhalten”: Mietsteigerungen sollen „flächendeckend” auf 15 Prozent innerhalb von vier Jahren beschränkt werden. Die Wohnraumförderung solle, wo es sie noch gibt, zweckgebunden für bezahlbaren Wohnraum ausgegeben werden, und das Wohngeld müsse der Verdrängung von Menschen mit geringeren Einkommen entgegenwirken. Bei CDU, SPD und Linke gibt es ähnliche Forderungen. Die FDP lehnt Mietpreisdeckelungen ab. Dafür seien „Klimaschutz und Energieeinsparung zentrale Handlungsfelder. Wir wollen Wohnen energieeffizienter machen und den CO2-Ausstoß wirksam und dauerhaft senken.” Das unterschreiben auch alle anderen Parteien. Allerdings werden diese Konzepte die „stressenden Mieter*innen” wohl nicht versöhnen…

Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden in den 1920er-Jahren in vielen deutschen Städten neue Siedlungen, die insbesondere Bevölkerungsgruppen mit kleinem Einkommen ein gesundes Wohnumfeld bieten sollten. Einige berühmte Beispiele finden sich in Berlin, etwa der Lindenhof in Schöneberg, die Hufeisensiedlung im Stadtteil Britz oder die Wohnstadt Carl Legien in Prenzlauer Berg. Letztere sind heute Teil des UNESCO-Weltkulturerbes „Siedlungen der Berliner Moderne”. Beim Projekt Neues Frankfurt unter der Leitung von Ernst May wurde der soziale Wohnungsbau mit einer Erneuerung der Wohnkultur verknüpft.

Aus einer Tradition der Wohnungsreform und des öffentlichen Wohnungsbaus der Weimarer Republik entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg zwei Entwicklungsstränge: Ein staatlicher Massenwohnungsbau in der DDR, der über drei Qualitätsperioden vom Bauen in der Nationalen Tradition (1950er Jahre) über eine Phase der internationalen Moderne (1960er Jahre) zum massenhaften Plattenbau in Neubaugebieten und den Innenstädten führte, und der soziale Wohnungsbau der Bundesrepublik, der von Anfang an durch ein Nebeneinander von Miet- und Genossenschaftswohnungen und der Förderung des Wohnungseigentums für die laut Gesetz beschriebenen Gruppen gekennzeichnet war. Für den Mietwohnungsbau, der anfangs als Lückenschließung von Kriegsbrachen, später aus Neubau auf der Grünen Wiese und seit den 1970er Jahren auch als Ersatzneubau in Stadterneuerungsgebieten durchgeführt wurde, waren anfangs städtische Gesellschaften die wichtigsten Akteure; sie übernahmen eine wichtige stadt- und sozialpolitische Rolle. Seit den 1980er Jahren wurden die Länderprogramme zunehmend für private Investoren geöffnet.

Margret und Alexander Mitscherlich beklagten bereits 1965 „Die Unwirtlichkeit unserer Städte” in der Bundesrepublik. Während Städte früher integrierte Lebens- und Arbeitsräume geboten hätten, wären sie inzwischen „funktionell entmischt”: Nicht erst seit dem Bau von Trabantenstädten seien Wohnen und Arbeiten auf verschiedene Stadtteile aufgeteilt. Wer es sich leisten könne, kaufe ein Stück Natur und ziehe aufs Land. In der Vorortvilla sahen Mitscherlichs die “Demonstration der monetären Potenz” einer einzelnen Familie. -
Heute zeugen Town- oder Penthouses mit PKW-Aufzug von der wirtschaftlichen Überlegenheit ihrer Bewohner.

Nur hatte die funktionale Entmischung doch eigentlich gar nichts mit den Wohnverhältnissen zu tun. Sie ist quasi als Kollateralschaden des massenhaften Wohnungsbaus „passiert”. Die Mitscherlichs hatten die europäische Stadt der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Referenz vor Augen: Boulevards gesäumt von fünf- bis sechsgeschossigen Häusern, in denen auf Straßenniveau Läden sind, Kanzleien und Praxen im ersten Geschoss, hinter der Tordurchfahrt im Hof Handwerker und Händler, darüber die Seitenflügel der großen Wohnungen aus dem Vorderhaus und schließlich in Hinterhöfen kleinere bis kleinste Wohnungen. Ganz hinten gab es vielleicht auch noch einen Kuhstall, einen so genannten Abmelkbetrieb. In Berlin haben die letzten dieser urbanen Agrarbetriebe erst Ende der 70er Jahre des 20. Jh. geschlossen.

Im Grunde wurden in der Stadtentwicklung angesichts tatsächlich unzumutbarer Zustände und einer Sprachlosigkeit zwischen den sozialen Milieus, in gut demokratischer Manier, die Interessen geordnet und gebündelt. Und zwar in einer Weise, dass wirklich jede Interessengruppe gefördert wurde. Aber die unzumutbaren Zustände wurden nicht verbessert, es wurden keine Kompromisse ausgehandelt. Es wurden gegenseitige Störungen durch Emissionen oder Betriebsabläufe einfach eliminiert: Einzelhandel kam zu Einzelhandel, Kanzlei zu Kanzlei, Handwerk zu Handwerk. Und wenn Lebensmittelproduktion möglichst weit weg von arbeitenden und wohnenden Menschen geschieht, dann erhält sie heute ein BIO-Zertifikat. Zurück blieben Menschen in reinen „Wohnvierteln” der klein-, mittel- oder großbürgerlichen Art

Für das Fördern der Gruppeninteressen ist der Begriff der „Solidarität” von essentieller Bedeutung. Der Soziologe Richard Sennett beschreibt in seinem jüngsten Buch „Zusammenarbeit – Was unsere Gesellschaft zusammenhält” die zentrifugalen Kräfte der dialektischen Erklärungsmuster, mit denen man Gruppen formen und gegeneinander aufstellen kann. In der Stadtentwicklung nennt sich das „Segregation”. Mit dialogischen Mustern dagegen erreiche man Ziele, wie jene der „Kooperation”, die im überschaubaren gesellschaftlichen Rahmen ertragreichere und nachhaltigere Ergebnisse mit sich bringen können. Da wären wir wieder bei der verdichteten, integrierten Stadt, in der die Zustände durch Dialog verbessert werden könnten.

Das allgemein geäusserte Unwohlsein am Status quo der Stadtentwicklung in Mitteleuropa heute basiert auf der Erkenntnis, dass die räumlichen Trennungen von urbanen Funktionen und sozialen Gruppen mit enormen Kosten hinsichtlich Land- und Ressourcenverbrauch, Verkehrs- und CO2-Belastungen einhergehen. Unsere Städte könnten Wachstums- und Innovationsmotoren sein, wenn sie nur im kooperativen Sinne funktionieren würden. Doch jegliche Reparaturversuche mittels Wohnraumförderung oder Wohnungs-Regulierungen gehen wieder nur in Richtung der Befriedigung von Klientelen mit der Folge weiterer Segregation.

Gibt es also ein Modell, das „zukunftsfest” ist? In Jonas Geist und Klaus Kürvers dreibändigen Standardwerk über „Das Berliner Mietshaus” werden die gegen Ende des 19. Jh. gängigen Rentenmodelle aus verdichteten und gemischten Wohnen und Arbeiten als ein durchaus erträgliches und nachhaltiges Unternehmenskonzept beschrieben.

Wenn sich langfristig Renditen zwischen drei und vier Prozent erwirtschaften ließen, müssten solche Modelle für Anlagemöglichkeiten suchendes Kapital etwa der Lebensversicherer interessant sein. Was fehlt sind einerseits private und kommunale Wohnungsunternehmen sowie Genossenschaften, die sich auf gemischte Projekte einlassen und eine Bauleitplanung der Städte andererseits, welche die gemischten Formen fordert. Gefordert, aber auch weiterhin gefördert werden müssten alle Maßnahmen, die zur langfristigen Senkung der vom Wohnen ausgehenden Kohlendioxid-Belastungen sowie zur Senkung der Energiekosten der Bewohner beitragen. Dienstleister wie die Berliner Energieagentur beweisen, wie sinnvoll Aussenflächen von Gebäuden für Photovoltaik genutzt und in Verbindung mit kleinen Blockheizkraftwerken gewinnbringend zum Energiehaushalt der Kommunen beitragen können.

In Düsseldorf gibt es seit Kurzem ein Konzept, nach dem künftig alle Neubauprojekte, die auf einem Bebauungsplan basieren, 20 Prozent sozial geförderte Wohnungen enthalten. Außerdem soll den Bauherren für weitere 20 Prozent der Wohnungen eine preisgedämpfte Kaltmiete von maximal 8,50 Euro pro Quadratmeter verordnet werden. Der Preis soll für zehn Jahre, indexiert mit der Inflationsrate, festgeschrieben werden.

Vorstellbar wäre es, weitere 20 Prozent der Flächen für Gewerbe- und Dienstleistungsnutzungen festzuschreiben. Blieben immerhin noch 40 Prozent für luxuriöseres Wohnen. Das Gewerbe könnte sich natürlich auch auf das Wohnen ausrichten: Servicedienste, Pflegedienstleister, Kindertagesstätten, Gastronomie. Bewirtschaftete Appartements für die kurzzeitige Vermietung sind denkbar, mit einem Concierge, der auch für das gehobene Wohnen als Kümmerer zuständig ist. – Vorstellbar wäre, die Installation von Energie erzeugenden Anlagen festzuschreiben und damit gleichzeitig auch die Installation von Ladesäulen für das E-Car-Sharing. So werden wieder einige Stellplätze überflüssig, Flächen, die in die Grünbilanz eingerechnet werden könnten, wenn auf ihnen professionelles urban farming betrieben wird.

Das ist kein zukunftsfernes Ökotopia, alle diese Beispiele sind in Europa an verschiedenen Orten bereits wirtschaftlich tragfähige Realitäten. Was die Entwicklung bremst, sind Wohnungswirtschaft und Wohnungspolitik, für die Verwaltung und Erhaltung im Vordergrund stehen. Für Kooperation mit innovativen Dienstleistern fehlt das Personal. Der Politik fehlt der Mut, den Menschen auch erklären zu müssen, dass sie in den vergangenen 60 Jahren die Städte in eine Sackgasse manövriert hat.

 

Neue Substanz statt Disney-Urbanität – urbanPR TREND lädt zur Entwicklung ein

 

„Überalterung und Geburtenrückgang lassen ganze Landstriche veröden, während sich in Ballungszentren sozialer Sprengstoff anhäuft. Hinzu kommt: Die virtuelle Revolution wird alle und alles verändern. Teledemokratie ersetzt Anwesenheitsdemokratie. Das urbane Kraftfeld verliert sich in universeller Gleichzeitigkeit. Alles zu viel, alles zu schnell. Und wir, die Architekten, wie begegnen wir diesem Armageddon?”, so fragte Peter Rumpf, der frühere Chefredakteur der Bauwelt in der „Stadtbauwelt” vom Dezember 2012. Resigniert hier der Architekt und Autor des Jahrgangs 1941 angesichts des informationstechnologischen Fortschritts, wenn er den Verlust des „urbanen Kraftfelds” konstatiert? Übertreibung?

„In den Innenstädten, wo sich Architekten mit den Mitteln des sozialen Wohnungsbaus um Revitalisierung des Stadtmythos bemühen, entsteht hinter historisierenden Fassaden urbanes Disneyland, während sich die urbane Struktur irgendwo im Computer versteckt.” Diese scheinbare Antwort auf Peter Rumpf habe ich dreißig Jahre zuvor, Anfang 1982 in Heft 3  der „Informationen zur Raumentwicklung” der damaligen Bundesforschungsanstalt für Landeskunde und Raumordnung zum Thema „Räumliche Wirkungen neuer Medien” veröffentlicht. Gegen Ende meines Studiums hatte ich Dank eines Stiftungsstipendiums die Möglichkeit, einige Zeit an der UCLA gemeinsam mit Stadtplanern, Soziologen, Ingenieuren und Bankern des damals führenden kalifornischen Kreditinstituts First Pacific National Bank, an einer Studie, einem Szenario „Los Angeles 2030” teilzunehmen. Es ging dabei darum, das Theorem des „Travel-Communications-Trade Off”, die Substitutionsbeziehungen zwischen Verkehr und Kommunikation als Einflussgröße zu überprüfen. Die Entwicklung von Personal-Computern, deren Vernetzung als neues Kommunikationsmittel und die Möglichkeit von mobilen Telefonen für alle zeichneten sich damals ab.

Die Bank finanzierte Reisen kreuz und quer durch die USA, um Vorstände, Wissenschaftler und Ingenieure bei IBM, Exxon, TimeWarner, bei der Army und bei General Motors zu befragen. Themen waren Klimaveränderungen, steigende Kosten für den Individualverkehr, Heim-Computer, Verkabelung,  Telearbeit, Flexibilisierung der Arbeitszeit, Rentabilität von Büroflächen, Individualisierung der industriellen Produktion, Teleshopping, dezentrale Energie- und lokale Nahrungsmittelproduktion. – An der Aktualität der Themen hat sich wenig geändert. Interesse der Bank war eine langfristige Einschätzung der Immobilienmärkte.

Das Szenario präsentierte ein Los Angeles, das sich bis 2030 in zehn selbständige Gemeinden mit vertikalen Gebäudestrukturen dezentralisieren wird. Große Teile des heute noch horizontal besiedelten Stadtgebiets würden zu Grün- und Wasserflächen, ein Teil der Freeways könnte aufgegeben werden, andere würden als Trassen für neuen Schienenverkehr dienen. Noch bleiben 17 Jahre, um die Studie zu bestätigen. Ganz daran glauben mag man nicht…  Denn bei den Wetterszenarien war man von einer Klimaabkühlung durch den Smog ausgegangen, von einer Zerstörung der Ozonschicht und Klimaerwärmung sprach noch niemand. Immerhin: Ein iPhone als mobile, persönliche Nachrichtenzentrale mit dem man Bankingfunktionen ausführen, Fernsehen gucken und Videos drehen und als Ticketersatz in ein Flugzeug einsteigen kann, war genauso ausserhalb der Vorstellungskraft.

„Alles zu viel, alles zu schnell”, beschreibt Peter Rumpf den Wandel, den wir selten wahrnehmen, sondern immer erst im Rückblick erkennen. –  Die Stadt als Marktplatz, zum Beispiel: Einzelhandelsinvestitionen sind im vergangenen Jahr 2012 um 28 Prozent zurückgegangen, berichtete Mitte Januar BNP Paribas Real Estate. Angesichts der sich rasant vermehrenden DHL-, DPD- und UPS-Transporter, die in zweiter Spur parken, bemerken jetzt auch Investoren, wie früher Flächen verbrauchende Einzelhandelsfunktionen sich ins Internet verflüchtigen. Die Lagerflächen werden auf Autobahnen und Stadtstraßen verteilt.

Einzelhandelsflächen verflüchtigen sich ins Internet. Lagerkapazitäten werden auf Autobahnen und Stadtstraßen verteilt.

Einzelhandelsflächen verflüchtigen sich ins Internet. Lagerkapazitäten werden auf Autobahnen und Stadtstraßen verteilt.

 

Doch noch sind die Einkaufsstraßen voll von Menschen. Noch. Mangels Investitionen heute werden in fünf Jahren keine neuen Handelsflächen zur Verfügung stehen. Wozu auch, wenn allenthalben Angebotsvielfalt und Angebotsniveau sinken? Den Menschen wird die Lust an dieser Art Einkaufen vergehen, wenn das Internetshopping noch interaktiver und attraktiver wird. Die Flagshipstores der großen Marken, die das reale Erleben einer Markenwelt bieten, werden die neuen Magneten sein. Gekauft und bezahlt wird online. Die Flagshipstores werden dort sein, wo das Kalkül aus Werteklima und maximalen Zielgruppenfrequenzen aufgeht. Das kann ein Autobahnkreuz sein, eine hoch erschlossene Innenstadt oder eine Tourismusdestination. Die Konversion von Kaufhäusern und Shoppingcentern wird ein spannendes Thema werden. – Mit dem Funktionsverlust als Markt, mit der Virtualisierung der Büro- und Produktionswelten geht die soziale Entmischung und Ausdünnung der Stadtzentren einher: Wer es sich leisten kann, zieht zu Seinesgleichen auf frisch ausgewiesenes Bauland oder in ein Konversionsprojekt mit Doorman.

Stadt- und Standortmarketing müssen sich neuen Themen zuwenden, weil die einst in den Zentren verorteten bürgerlichen Qualitäten mangels Rentabilität verblassen. Produkte, mit denen man Namen von Städten verband, werden in lohngünstigeren Regionen der Welt gefertigt. Mit Glück verbleibt die Marketingabteilung am Stammsitz. Kultursommer und Weihnachtsmärkte wirken nicht mehr  identitätsstiftend, sondern werden als Disney-Urbanität wahrgenommen. Die Menschen spüren den Substanzverlust und suchen die urbane Substanz aus sozialer Adhäsion und kultureller Admiration in weltweiten Netzwerken, Vorstädten oder dort, wo spannende Alternativen und neue urbane Lebensformen, auch als Herausforderungen auf Zeit, geboten werden.

Es geht darum, das Armageddon der urbanen Implosion durch neue echte Werte und Qualitäten um noch einmal mindestens dreißig Jahre zu verschieben. Und das soll Thema dieses urbanPR TREND-Blogs sein: Mut, die Realitäten des Wandels anzuerkennen, die Kreativität in Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst und Architektur herauszufordern, um neue attraktive soziale und gebaute urbane Umwelten zu befördern.

 

Thesen: Wohnen und Arbeiten – Ein städtisches Verhältnis

vlnr: GWG-Chef Klaus Hoffmann, Prof. Dr. Kilian Bizer, Prof. Gunter Henn, Rainer Milzkott mit Phaeton, dem Desiderat vieler Chinesen.

vlnr: GWG-Chef Klaus Hoffmann, Prof. Dr. Kilian Bizer, Prof. Gunter Henn, Rainer Milzkott mit dem Manufaktur-Produkt Phaeton, einem Desiderat vieler Chinesen.

 

 

Anlässlich der Göttinger Unternehmer-Gespräche der Gesellschaft für Wirtschaftsförderung und Stadtentwicklung Göttingen mbH (GWG) im vergangenen Jahr, hatte urbanPR folgende Thesen formuliert. Es diskutierten u.a. der Architekt Gunter Henn und der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Kilian Bizer. Die GWG fragte nach Konzepten, wie Wohnen und Arbeiten in Zukunft wieder zusammen geplant und organisiert werden können.

1.            Arbeit und Wohnen war das stadtbildende Funktionsverhältnis in Europa seit dem Mittelalter. Es bestimmt bis heute unsere Vorstellung von guter Stadt.

2.            Mit der Ablösung des Handwerks und der Zünfte durch mechanisierte Manufakturen vor 250 Jahren und industrielle Produktionsverfahren vor 150 Jahren zerbrachen die sozialen Hierarchien und zunftgeprägte Quartiere standen zur Disposition für neue, Kapital akkumulierende Bürgerschichten.

3.            Auf die soziale Trennung folgt die Trennung der durch zunehmende Umweltbelastungen unvereinbar gewordenen Funktionen von Wohnen und Arbeiten. Zwar wird, z.B. in der Charta von Athen, geringste Entfernung zwischen Arbeitsplatz und Wohnung gefordert, doch angesichts aufwändiger Infrastrukturen für Verkehr, Energie und Sozialwesen, entstanden unwirtliche vertikale Trabantenstädte für die aus den Innenstädten Verdrängten an den von den Arbeitsplätzen entfernten Peripherien. Als Alternative wird die weitere Zersiedlung der Landschaft praktiziert.

4.            Während der Aufwand für die Überwindung der Distanz zum Arbeitsplatz ein neues wirtschaftliches und ökologisches Problem darstellt, verliert die industrielle Warenproduktion an Bedeutung für den Arbeitsmarkt. Neue Wertschöpfung wird über Produkt-, Dienstleistungs- und Geschäftsmodellinnovationen erreicht. Arbeitsleistung dafür ist nicht mehr an einen Ort gebunden, seitdem sie mittels digitaler Netzwerke ubiquitär verfügbar ist.

5.            Während ehemalige Industrie- und Infrastrukturstandorte geöffnet und von Funktionen wie Bildung, Erholung und Wohnen durchdrungen werden, verlieren Innenstädte weiter an tatsächlichen Funktionen zu Gunsten von Image-Faktoren. Der stationäre Einzelhandel wird weitgehend durch die Logistikfunktionen Lagerhaltung und Auslieferung ersetzt. Die städtischen Funktionen von Wohnen, Arbeiten und Erholen verfestigen sich in den suburbanen Zwischenstädten.

Für den Wirtschaftswissenschaftler Kilian Bizer von der Georg-August-Universität heißt das Ziel, neue Unternehmen anzuziehen, die ihrerseits auf der Suche nach Standorten sind, an denen qualifizierte Arbeitnehmer zu finden sind. Weiteres entscheidendes Kriterium ist die Schaffung einer Umgebung, die auch zum Wohnen für Einpendler attraktiv ist. “Die nachhaltige Stadt” ist für Professor Bizer der Maßstab für den Erfolg bei der Gewerbeansiedlung.
Wie gut das seit zehn Jahren bereits in Dresden funktioniert, demonstrierte der Architekt Gunter Henn am Beispiel seiner “Gläsernen Manufaktur”, in welcher der Phaeton gebaut wird, in Produktionshallen, die mit einem Parkett aus Bergahorn ausgelegt sind. Die edle Umgebung fordere in dem praktisch emissionsfreien Betrieb die Mitarbeiter zur Sauberkeit und Präzision auf. Das ist auch notwendig, da man aus den hundert Meter entfernten Wohnblocks bei der Produktion zusehen kann.
Auch sonst lädt man jedermann in die einen Kilometer von der Frauenkirche entfernte Fabrik ein, die nicht in einem Gewerbepark, sondern an der Ecke eines Stadtparks gelegen ist. Im Grundbuch wurde eine Hybrid-Nutzung als Kulturstätte festgeschrieben Auch Dresdens bestes Restaurant befindet sich heute dort. Die mehrheitlich chinesischen Käufer der Phaetons staunen nicht schlecht über diese Art der Produktion und die Belieferung der Manufaktur, die mit einer speziellen Bahn geschieht, welche die öffentliche Straßenbahngleise nutzt. “Für die Stadt bringt die Manufaktur Sinngebung und Identität zurück,” betonte Henn.

Auf der Silicon-Allee zum Boom?

Emerging Trends in Real Estate”, die seit zehn Jahren vom Urban Land Institute ULI mit Pricewaterhouse Coopers durchgeführte Ranking-Studie der Immobilienmärkte in Europa erkennt in diesem Jahr München und Berlin die Spitzenplätze zu. Die großen Hoffnungsträger der Branche, Istanbul und Warschau, wurden vom Podest gestoßen. Deutsches Betongold strahlt nun europaweit und wird, wenn nichts dazwischen kommt, noch weitere Investoren anziehen.

An München erkennt die Studie Zukunftschancen in den Bereichen Biotechnologie, Umweltwissenschaften und Medien. Die demografischen Voraussetzungen seien blendend, die Kaufkraft der Bevölkerung hervorragend. – „Silicon-Allee” sagen jetzt Insider, wenn von Berlin die Rede ist, so die Studie von ULI und PWC: 15.000 neue Unternehmen im Technologiebereich mit einem Umsatz von 19 Mrd. Euro hätten zur Reputation als Technologiestandort mit Alleinstellungsmerkmalen beigetragen. Eine neue Schicht von Spezialisten lässt die Nachfrage nach Wohnraum steigen. Die Reputation als Kulturmagnet wird weiter für hohe Besucherzahlen und eine entsprechende Auslastung der Hotels sorgen.

Überraschend um sieben Ränge wieder aufgestiegen ist London, das als globaler „sicherer Hafen” weniger von europäischen Krisen berührt erscheint. Doch sei gerade mit dem Finanzdienstleistungsgeschäft aus Immobiliensicht kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Marktchancen eröffnen sich im Technologiebereich und in der Kreativ-Wirtschaft. – In den vergangenen zehn Jahren soll „Emerging Trends in Real Estate” jeweils zu 80 Prozent richtig gelegen haben, belegt eine Untersuchung der Universität Tilburg. – Die Studie kann hier als PDF-Dokument herunter geladen werden.

Ranking 2013

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