Kommunikation

Berliner Stadtentwicklung: Neustart mit Kommunikationskonzepten

Mit einer Fachtagung suchte die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung „Leitlinien für die Planung neuer und ergänzender Stadtquartiere – grün und urban”

Um es vorweg zu sagen: Vor über 20 Jahren war Baupolitik in Berlin schon einmal weiter: Da diskutierte man Entwicklungsmodelle auf internationaler Ebene und zwar mit jenen Leuten, die aktuell interessante Projekte realisierten. Dazu zählten auch Developer und Banker, vor denen es keine Berührungsängste gab und natürlich Stadtplaner. Die berichteten von Baugruppen und kleinen Genossenschaften, die in von Entwicklungsgesellschaften gesetzten Rahmen sich an Stadterneuerung, Stadterweiterungen und gänzlich neuen Gartenstädten beteiligten mit dem Ziel, sich eine Wohnung, eine Nachbarschaft, eine eigene Welt zu erschaffen. Was könnte daran falsch sein? In Berlin hatten diese Diskussionen, sogar in Zeiten flauer Nachfrage, zu kleinen, bemerkenswerten Nachbarschaften geführt, zum Beispiel in der Rummelsburger Bucht.

Vor zehn Jahren war eine Förderung des Wohnungsbaus dann kein Thema mehr. Berlins Verwaltung wurde vom Finanzsenator geschrumpft und war sich selbst genug. So pfiffen Baugruppen und junge Genossenschaften auf den Staat und ließen ihre Projekte im Privaten erfolgreich sprießen. Tragisch dabei : Das Wissen um kooperative Entwicklungsmodelle, das sich vor allem in Berlin seit den frühen 80erJahren gebildet hatte, ging währenddessen in der Verwaltung verloren.

Es scheint, als hätten erst jetzt zwölf Millionen Touristen unterm Brandenburger Tor pro Jahr und jede Nacht Hunderte syrischer Flüchtlinge vor dem LAGeSo dem roten Rathaus klargemacht: Die Stadt ist gefragt wie selten zuvor. Der Zuzug reißt nicht ab. Es gibt keine freien Wohnungen. Die sozial Schwachen werden aus der Stadt gedrängt. Alarm!

Am 7. und 8. Dezember sollte im Forum Adlershof – guter Ort: ein Stadtteil, der Wissen schafft – das Gegenmittel gefunden werden. Es wurden gezielt 120 Teilnehmer zur Tagung eingeladen, eine Hälfte aus der Berliner Verwaltung, die andere Hälfte aus Institutionen und Unternehmen, mit denen die Verwaltung bereits zusammengearbeitet hat. Man kennt sich. Ein einziger „echter” Marktwirtschaftler, Henrik Thomsen von der Groth-Gruppe, spricht am ersten Tag über „Wohnungsbau in Berlin”. Was nicht ganz stimmt, denn das „Kirchsteigfeld”, über das er berichtet, liegt in Potsdam. Fertiggestellt wurde es vor siebzehn Jahren. – Uli Hellweg, ehemals Chef der Wasserstadt GmbH und dann Hamburgs IBA-Chef berichtet über Spandau und dann die Rummelsburger Bucht, die auch auf Grund ihrer kleinteiligeren Eigentumsstruktur sich letztendlich auf der stadtwirtschaftlichen Habenseite bilanzieren lässt.

Es sollte mit der Tagung die „Gartenstadt des 21. Jahrhunderts” definiert werden, von der möglichst bald mehrere außerhalb des S-Bahnrings, aber noch innerhalb der Landesgrenze wachsen sollen. Doch Landeskonservator Prof. Jörg Haspel präsentiert nicht, wie angekündigt, „die Gartenstadt nach E. Howard”, sondern Berlins Siedlungen der späten 20er Jahre und Wohnungsbauprojekte der Nachkriegs- und Neuzeit. Sollen die monofunktionalen Großsiedlungen mit ihrem “Abstandsgrün” tatsächlich das Vorbild für die Zukunft sein? Hätte Haspel aber den Gartenstadt-Theoretiker Ebenezer Howard präsentiert, hätten die Begriffe „Smokeless” und „Slumless” im Mittelpunkt gestanden: Eine industriekritische, dem handwerklich kleinteiligen Unikat zugewandte, frühe grüne Bewegung und ein sozialreformerischer Ansatz, die zusammen weit über das Städtebauliche hinausgehen und in einer Neuinterpretation sicher auch heute sozial orientierte Urbaniten ansprechen könnten.

Für jene gilt Freiburg als Modellstadt mit vielen guten Beispielen. Gut dreißig Jahre dauert dort mittlerweile die Entwicklung von Freiburg-Rieselfeld, einem Stadtteil für nunmehr 10.000 Einwohner, über den der frühere Planungsgruppenleiter Klaus Siegl berichtet. Konzept sind gemischte Eigentumsformen. Zehn Jahre Entwicklungszeit für einen Block sind normal. Das funktioniere nur, wenn die Politik auf einen einmal eingeschlagenen Weg keinen Einfluss mehr nehme.

Steffen Kercher vom Münchener Stadtplanungsreferat präsentiert das 20.000-Einwohner Entwicklungsgebiet Freiham. Die S-Bahn fährt bereits die zwölf Kilometer vom Stadtzentrum Richtung Westen dorthin. Es gibt schon einen Aussichtsturm und einen verabschiedeten B-Plan für erste 4.000 Wohnungen.

Aspern – Wiens neuste “Seestadt” führt Jakob Kastner von der „3420 Aspern Development AG” vor: Das ehemalige Flugfeld wirbt um Pioniere mit einem neuen See und einer U-Bahnhaltestelle. Die ersten Wohnungen sind bezogen, bis Ende nächsten Jahres sollen es 2.600 sein. Man plant bis 2028. Ein See als zentraler Identifikationspunkt erscheint ungewöhnlich für eine verdichtete Stadtentwicklung, bei der in der Regel das Zentrum ausstrahlen soll. Wobei hier der See mit Park als Attraktion fertiggestellt war, als die ersten Wohnungen bezogen wurden.

Drei Beispiele, die vor allem in den folgenden Diskussionen eins beleuchten: Berlin scheint so etwas nicht zu schaffen! In einer der Arbeitsgruppen am zweiten Tag fragt eine Teilnehmerin entgeistert, warum Freiburgs erfolgreiche Methoden der kleinteiligen Entwicklung nach dreißig Jahren noch nicht in Berlins Verwaltung angekommen seien? Der Vertreter einer großen städtischen Wohnungsbaugesellschaft am langen Konferenztisch wird unruhig: Hier wird in aller Unschuld die Existenzfrage gestellt, weil man doch gerade dabei ist, wieder Kapazitäten zu schaffen, die gerade große Fertigstellungszahlen garantieren sollen.

Und so werden mehrfach Mißverhältnisse zwischem stadtplanerischem Anspruch und Verwaltungswirklichkeit aufgedeckt: Neue Stadtbausteine in der Peripherie sollten sich an den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft orientieren, heißt es in einem Statement von Uli Hellweg, der eine der Arbeitsgruppen leitet: Urban Gardening, nachhaltige Energiewirtschaft und umweltfreundliche Mobilität werden weiter gefordert. Doch die Vertreter von Verwaltungen und städtischen Wohnungsbaugesellschaften meinen, sie könnten mit Gründächern keinen kostengünstigen Wohnraum schaffen. Das sei aber auch international „state of the art” wird eingewandt, man könne heute doch nicht wie in den 90er Jahren bauen. „Wie in den 80er Jahren!”, ergänzt empört eine Verwaltungsmitarbeiterin aus dem Umweltressort.

In zwei der drei Arbeitsgruppen wird diskutiert, ob man bei den Stadtergänzungen überhaupt von „Gartenstadt” reden dürfe, wenn es denn keine individuellen Gärten gäbe, was die Menschen bei der Nennung der Typologie aber erwarten würden. Man könne „Gartenstadt als Arbeitstitel” nutzen, meint Prof. Peter Slonicky, der mit Rainer Nagel die Gruppe zur städtebaulichen Qualität leitete, „wenn der Freiraum als konstituierendes Element garantiert” sei.

Die Kommunikation über die Entwicklungsprojekte wird in allen Gruppen als entscheidend für den Erfolg diskutiert. „Schon der erste Aufschlag zählt”, sagt Prof. Christa Reicher, die mit Uli Hellweg in einer Arbeitsgruppe „Lehren aus der Vergangenheit für Nachbarschaften und soziale Infrastruktur” zog. Immer wieder zitieren Verwaltungsmitarbeiter beim Stichwort Kommunikation ein „Quartiersmanagement” als hilfreich, wenn man den Menschen vor Ort begegne. Doch schon die Erwähnung jenes Managements lasse bei Standort-Interessierten Alarmglocken klingeln, meint ein anderer Teilnehmer: „Werden da Drogen gehandelt?” Es gibt weichere Formen des Sich-Kümmerns, ein „Quartiers-Bürgermeister” wird genannt. Die gute alte „Gemeinwesenarbeit” könnte eine Renaissance erleben.

Doch Kommunikation darf nicht erst einsetzen, wenn Probleme erkannt werden. Bundestiftung-Baukultur-Chef Rainer Nagel fordert vor dem Start neuer Quartiere eine Projektumfeldanalyse, ein integriertes Stadtentwicklungskonzept, eine Machbarkeitsstudie und ein Kommunikationskonzept. Vor allem das K-Konzept sei entscheidend, meint auch Prof. Harald Bodenschatz, als „Mehrwert-Check für jene, die schon am Standort da sind.” Auch Uli Hellweg erläutert, dass „Win-Win-Situationen” zu formulieren und zu kommunizieren seien, wenn die Stadterweiterungen überhaupt bei jenen, die im Umfeld wohnen, Akzeptanz finden sollen. Die Identifikation von unterschiedlichsten Zielgruppen, das Erkennen ihrer jeweiligen Bedürfnisse und Ansprüche und deren Umsetzung in Planung von Infrastruktur und Stadtquartieren seien Voraussetzungen für den Erfolg. Seit 25 Jahren hat urbanPR viele solcher Kommunikationskonzepte für große und kleine Stadterweiterungen erarbeitet und umgesetzt. Es sind dabei immer lebendige und nachgefragte Quartiere entstanden.

Ein Dilemma: Politik und Verwaltungen können aus ihrer Fürsorgepflicht für die gesamte Kommune keine solche auf Abgrenzung, Unterscheidung, letztlich Konkurrenz zielenden Kommunikationskonzepte für zu entwickelnde Räume erarbeiten und umsetzen. So fordert Rainer Nagel eine „integrierte Gesamt-Projektverantwortung durch Entwicklungsträger”. Und mit denen hat Berlin – unter dem Strich – bereits gute Erfahrungen gemacht.

Wie Online-Kommunikation Favelas gesellschaftsfähig macht

Dunkel und minus 4 Grad kalt war es am 22. Januar abends in der Berliner Schumannstraße, wo das Gebäude der Heinrich-Böll-Siftung steht. Sonnig und 34 Grad warm war es zur selben Zeit in der Favela Rocinha in Rio de Janeiro, aus der Marina Moreira, Michel und Michele Silva https://www.facebook.com/VivaRocinha #favelasonline in der Böll-Stiftung sowie Tiago Bastos aus der Complexo do Alemao über Twitter in den Saal mit etwa 80 Interessierten kommunizierten. Die waren gekommen, um mehr über den Wandel durch das Internet in den Armenvierteln von Rio de Janeiro zu erfahren. Die Journalistinnen Sonja Peteranderl und Julia Jaroschewski hatten 2013 in der Favela Rocinha gewohnt, die Lebensbedingungen und die Veränderungen beobachtet, nachdem die Unidade de Policia Pacificadora, die „Befriedungspolizei” UPP sich dort festgesetzt und die bis dato herrschenden Drogenhändler veranlassten, sich zumindest von den Straßen und Gassen zurückzuziehen. „Man sieht sie nicht mehr, aber sie sind noch da, man spricht nicht darüber”, erklärte Sonja Peteranderl. Es wird in Rio viel diskutiert, ob die „Schmusepolizei” lediglich zur Befriedung der um die touristisch relevanten Regionen Rios gelegenen 200 Favelas anlässlich der Fußball-WM eingesetzt wurden, während 800 weitere Favelas weiter sich selbst, beziehungsweise den Drogengangstern überlassen bleiben. http://buzzingcities.net/

Mit der UPP drangen auch die Internetprovider in die bis dahin auf Karten als „Morro”, also „Berg” bezeichneten Armenviertel Rios ein, die gut ein Viertel der Bewohner der Stadt behausen. Mit Sonderkonditionen wie Tagestarifen gelang es den Gesellschaften, schnell eine Vernetzung von über 75 Prozent der vorwiegend jungen Bewohner der Favelas zu generieren. Das mobilie Telefon ist der vorwiegende Netzzugang. „G3 funktioniert nur selten” twitterte Tiagi Bastos, „W-Lan in vielen Häusern” ist die Lösung. Die neue Kommunikationsinfrastruktur wurde alsbald von einer neuen Generation von Onlinejournalisten genutzt, zu denen auch die verbundenen Twitterer zählen. Sie kommunizieren den Alltag aus den Favelas zu deren Bewohner, aber natürlich auch zu jenen Einwohnern Rios, für welche die Favelas als gefährliche Orte galten, die man nicht aufsucht. So tauchen Berichte aus den und über die Favelas zunehmend in den etablierten Medien auf. Die Favela-Journalisten vertreten dabei durchaus die Interessen der Bewohner. Als im Juli der Mauerer Amarildo de Sonza nach einer Verhaftung durch die UPP verschwunden blieb, berichteten die Favela-Journalisten, forderten Aufklärung, organisierten öffentlichen Druck und erreichten schließlich eine Untersuchung, bei der festgestellt wurde, dass Amarildo gefoltert wurde, an den Folgen starb und die Leiche beseitigt worden war. Zwei Dutzend Polizisten der UPP wurden angeklagt, der Chef der UPP-Rocinha musste gehen.

Ein Wiki-Mapa-Projekt mit sechzehn Reportern arbeitet an der virtuellen Verortung der Favelas. Die Wikireporter sind zwischen 16 und 25 Jahre alt, internetaffine Jugendliche und junge Erwachsene, die einem dreitägigen Workshop lernen mit dem Handy Fotos aufzunehmen und Videos zu produzieren, mit der Wikimapa-Webseite und der App umzugehen, mit der sie Fotos und Informationen aus den Favelas verorten. Die virtuellen Karten sollen nicht nur den Blick von außen verändern, sondern wirken auch nach innen: Die Favelabewohner entdecken vieles, was sie selbst noch nicht kannten – und manche Geschäftsinhaber hoffen, dass der Eintrag kostenlose Werbung für sie ist. (http://favelawatchblog.com)

Und in der Tat werden kleine Gewerbe, Handwerker, Händler, Dienstleister und Restaurants sichtbar, erzeugen auf Gemeinschafts- oder eigenen facebook-Seiten Aufmerksamkeit für ihre Angebote. Dies zieht wiederum potenzielle Kunden an, die vorher die Favelas noch nie betreten hatten. So kann man aktuell beobachten, wie durch die Online-Kommunikation ein dynamischer Markt entsteht.
Nur lässt der neue Markt sich nicht auf folkloristische Nieschen beschränken: Schon ist von einer Gentrifizierung der größten Favela Rocinha die Rede. Zuerst wurden Übernachtungsmöglichkeiten mit Blick auf die Strände angeboten. Dann wurden erste Favela-Grundstücke gehandelt. Hostels entstanden. In einem Artikel für die WELT beschrieb Julia Jaroschewski das spekulative Geschäft http://www.welt.de/wirtschaft/article122750372/Auslaender-gentrifizieren-die-brasilianischen-Favelas.html

Bei Favelabewohnern, die beobachten, dass sich die Drogengangs jetzt bewusst ruhig verhalten, besteht die Angst, dass nach WM und Olympia die Kriminalität wieder Oberhand gewinnen könnte. Andererseits setzen die neuen Kommunikationsmöglichkeiten viel neue Kreativität frei, die den Wandel beschleunigen wird. Das bedeutet aber nicht, dass die Favelabewohner nun zu ausschließlich produktiven Krawattenträgern würden. Mit der Onlinekommunikation entstand zum Beispiel auch eine neue gemeinschaftliche Ausdrucksform: der Rolenzinho. Dabei besuchen Jugendliche teure Einkaufszentren nicht zum Einkaufen, sondern, um Atmosphäre zu geniessen und sich selbst darzustellen. Das Wort Rolenzinho ist nicht übersetzbar. Die Twitterer aus Rio berichteten auch hier schon wieder von Differenzierung: „Rolenzinho für Arme ist Arrastao (Tumult am Strand, um etwas im Chaos zu klauen), Rolenzinho für Reiche ist Flashmob.” Wie das am Strand aussieht, zeigt ein Video vom November: http://youtu.be/VRn6CDwAZp0

Twitter-Dialog Berlin-Rio an die Wand gebeamt

Twitter-Dialog Berlin-Rio an die Wand gebeamt

Die Zukunft der Architektur – Jürgen Mayer H.

Jürgen Mayer H. in seinem Büro in der Berliner Knesebeckstraße vor einem Foto seines Metropol Parasol in Sevilla

Jürgen Mayer H. in seinem Büro in der Berliner Knesebeckstraße vor einem Foto seines Metropol Parasol in Sevilla

Architektenkollegen rümpfen schon mal die Nase, wenn die Rede auf Jürgen Mayer H. kommt. So auch in der neusten Ausgabe der Internet-Zeitschrift uncube , die in Zusammenarbeit mit den Machern von „Kultur:Stadt”, der Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste entstanden ist: Als inhaltsleere Hüllen werden jene Bauten in Spanien beschrieben, die in Folge von Frank Gehry’s Guggenheim Museum in Bilbao entstanden sind, das den „Bilbao-Effekt” auslöste. Mayers Schatten spendender Metropol Parasol in Sevilla hat zumindest einen eigenen „Sevilla-Effekt” ausgelöst. Der Architekt, dessen Entwürfe auf digitalen Zahlenmustern basieren, gibt im Video auf urbanPR TREND Auskunft über Motive und Wirkungen, über Wettbewerbe und Bauherren. Und er zeigt sich aufgeschlossen für die Gestaltung von Strukturen im öffentlichen Raum, die bisher nicht mit architektonischem Anspruch in Verbindung gebracht wurden: Tankstellen, Grenzkontrollstellen… Noch mehr ist denkbar, womit sich ein Fokus auf bisher unbeachtete Orte lenken lässt und Anlässe für Kommunikation schafft. – Mittlerweile wurde der Metropol Parasol als eines von fünf Bauwerken für den Preis der Europäischen Union für zeitgenössische Architektur / Mies-van-der-Rohe-Preis  nominiert, was  Schulterzucken bei hehren deutschen Architekturgrößen auslöst.  Das wiederum erinnert an den Protest von Kulturgrößen Frankreichs im Jahre1887 wie Charles Gounod, Alexandre Dumas und Guy de Maupassant gegen den Bau des Eiffelturms, durch den „alle unsere Monumente gedemütigt werden”. – Womit würden wir heute Paris identifizieren, wenn der Turm, wie geplant, nach 1909 wieder abgebaut worden wäre? – Jürgen Mayer H. sucht Bauherren mit „Neugier auf die Zukunft der Architektur”. Diese können nur gewinnen.

Gebäude-Image vom Weltmeister

Ken Schluchtmann-ArchitekturfotografDer Berliner Fotograf Ken Schluchtmann wurde im Herbst 2012 auf dem World Architecture Festival in Singapur zum besten Architektur-Fotografen gekürt. Sein Siegerbild indes entspricht nur wenig den bislang gerühmten Beispielen von Architekturfotografie, bei denen es galt, Immobilien immer im besten Licht zu zeigen. Auf Schluchtmanns Foto legt sich Nebel um das Rasthaus auf dem norwegischen Trollstigenplateau von Reiulf Ramstad Arkitekter AS. Das sei der Look, den er mit Partner Dirk Dähmlow als diephotodesigner.de seit über zehn Jahren für Automobile und Immobilien entwickelt hat. Im Video für urbanPR TREND spricht Ken Schluchtmann über Image, Zeitgeist und Freigeist, den Arbeitsprozess, die Zusammenarbeit mit Architekten und über Budgets für weltmeisterliche fotografische Images.- Weitere Informationen direkt von urbanPR.

Neue Substanz statt Disney-Urbanität – urbanPR TREND lädt zur Entwicklung ein

 

„Überalterung und Geburtenrückgang lassen ganze Landstriche veröden, während sich in Ballungszentren sozialer Sprengstoff anhäuft. Hinzu kommt: Die virtuelle Revolution wird alle und alles verändern. Teledemokratie ersetzt Anwesenheitsdemokratie. Das urbane Kraftfeld verliert sich in universeller Gleichzeitigkeit. Alles zu viel, alles zu schnell. Und wir, die Architekten, wie begegnen wir diesem Armageddon?”, so fragte Peter Rumpf, der frühere Chefredakteur der Bauwelt in der „Stadtbauwelt” vom Dezember 2012. Resigniert hier der Architekt und Autor des Jahrgangs 1941 angesichts des informationstechnologischen Fortschritts, wenn er den Verlust des „urbanen Kraftfelds” konstatiert? Übertreibung?

„In den Innenstädten, wo sich Architekten mit den Mitteln des sozialen Wohnungsbaus um Revitalisierung des Stadtmythos bemühen, entsteht hinter historisierenden Fassaden urbanes Disneyland, während sich die urbane Struktur irgendwo im Computer versteckt.” Diese scheinbare Antwort auf Peter Rumpf habe ich dreißig Jahre zuvor, Anfang 1982 in Heft 3  der „Informationen zur Raumentwicklung” der damaligen Bundesforschungsanstalt für Landeskunde und Raumordnung zum Thema „Räumliche Wirkungen neuer Medien” veröffentlicht. Gegen Ende meines Studiums hatte ich Dank eines Stiftungsstipendiums die Möglichkeit, einige Zeit an der UCLA gemeinsam mit Stadtplanern, Soziologen, Ingenieuren und Bankern des damals führenden kalifornischen Kreditinstituts First Pacific National Bank, an einer Studie, einem Szenario „Los Angeles 2030” teilzunehmen. Es ging dabei darum, das Theorem des „Travel-Communications-Trade Off”, die Substitutionsbeziehungen zwischen Verkehr und Kommunikation als Einflussgröße zu überprüfen. Die Entwicklung von Personal-Computern, deren Vernetzung als neues Kommunikationsmittel und die Möglichkeit von mobilen Telefonen für alle zeichneten sich damals ab.

Die Bank finanzierte Reisen kreuz und quer durch die USA, um Vorstände, Wissenschaftler und Ingenieure bei IBM, Exxon, TimeWarner, bei der Army und bei General Motors zu befragen. Themen waren Klimaveränderungen, steigende Kosten für den Individualverkehr, Heim-Computer, Verkabelung,  Telearbeit, Flexibilisierung der Arbeitszeit, Rentabilität von Büroflächen, Individualisierung der industriellen Produktion, Teleshopping, dezentrale Energie- und lokale Nahrungsmittelproduktion. – An der Aktualität der Themen hat sich wenig geändert. Interesse der Bank war eine langfristige Einschätzung der Immobilienmärkte.

Das Szenario präsentierte ein Los Angeles, das sich bis 2030 in zehn selbständige Gemeinden mit vertikalen Gebäudestrukturen dezentralisieren wird. Große Teile des heute noch horizontal besiedelten Stadtgebiets würden zu Grün- und Wasserflächen, ein Teil der Freeways könnte aufgegeben werden, andere würden als Trassen für neuen Schienenverkehr dienen. Noch bleiben 17 Jahre, um die Studie zu bestätigen. Ganz daran glauben mag man nicht…  Denn bei den Wetterszenarien war man von einer Klimaabkühlung durch den Smog ausgegangen, von einer Zerstörung der Ozonschicht und Klimaerwärmung sprach noch niemand. Immerhin: Ein iPhone als mobile, persönliche Nachrichtenzentrale mit dem man Bankingfunktionen ausführen, Fernsehen gucken und Videos drehen und als Ticketersatz in ein Flugzeug einsteigen kann, war genauso ausserhalb der Vorstellungskraft.

„Alles zu viel, alles zu schnell”, beschreibt Peter Rumpf den Wandel, den wir selten wahrnehmen, sondern immer erst im Rückblick erkennen. –  Die Stadt als Marktplatz, zum Beispiel: Einzelhandelsinvestitionen sind im vergangenen Jahr 2012 um 28 Prozent zurückgegangen, berichtete Mitte Januar BNP Paribas Real Estate. Angesichts der sich rasant vermehrenden DHL-, DPD- und UPS-Transporter, die in zweiter Spur parken, bemerken jetzt auch Investoren, wie früher Flächen verbrauchende Einzelhandelsfunktionen sich ins Internet verflüchtigen. Die Lagerflächen werden auf Autobahnen und Stadtstraßen verteilt.

Einzelhandelsflächen verflüchtigen sich ins Internet. Lagerkapazitäten werden auf Autobahnen und Stadtstraßen verteilt.

Einzelhandelsflächen verflüchtigen sich ins Internet. Lagerkapazitäten werden auf Autobahnen und Stadtstraßen verteilt.

 

Doch noch sind die Einkaufsstraßen voll von Menschen. Noch. Mangels Investitionen heute werden in fünf Jahren keine neuen Handelsflächen zur Verfügung stehen. Wozu auch, wenn allenthalben Angebotsvielfalt und Angebotsniveau sinken? Den Menschen wird die Lust an dieser Art Einkaufen vergehen, wenn das Internetshopping noch interaktiver und attraktiver wird. Die Flagshipstores der großen Marken, die das reale Erleben einer Markenwelt bieten, werden die neuen Magneten sein. Gekauft und bezahlt wird online. Die Flagshipstores werden dort sein, wo das Kalkül aus Werteklima und maximalen Zielgruppenfrequenzen aufgeht. Das kann ein Autobahnkreuz sein, eine hoch erschlossene Innenstadt oder eine Tourismusdestination. Die Konversion von Kaufhäusern und Shoppingcentern wird ein spannendes Thema werden. – Mit dem Funktionsverlust als Markt, mit der Virtualisierung der Büro- und Produktionswelten geht die soziale Entmischung und Ausdünnung der Stadtzentren einher: Wer es sich leisten kann, zieht zu Seinesgleichen auf frisch ausgewiesenes Bauland oder in ein Konversionsprojekt mit Doorman.

Stadt- und Standortmarketing müssen sich neuen Themen zuwenden, weil die einst in den Zentren verorteten bürgerlichen Qualitäten mangels Rentabilität verblassen. Produkte, mit denen man Namen von Städten verband, werden in lohngünstigeren Regionen der Welt gefertigt. Mit Glück verbleibt die Marketingabteilung am Stammsitz. Kultursommer und Weihnachtsmärkte wirken nicht mehr  identitätsstiftend, sondern werden als Disney-Urbanität wahrgenommen. Die Menschen spüren den Substanzverlust und suchen die urbane Substanz aus sozialer Adhäsion und kultureller Admiration in weltweiten Netzwerken, Vorstädten oder dort, wo spannende Alternativen und neue urbane Lebensformen, auch als Herausforderungen auf Zeit, geboten werden.

Es geht darum, das Armageddon der urbanen Implosion durch neue echte Werte und Qualitäten um noch einmal mindestens dreißig Jahre zu verschieben. Und das soll Thema dieses urbanPR TREND-Blogs sein: Mut, die Realitäten des Wandels anzuerkennen, die Kreativität in Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst und Architektur herauszufordern, um neue attraktive soziale und gebaute urbane Umwelten zu befördern.

 

Auf der Silicon-Allee zum Boom?

Emerging Trends in Real Estate”, die seit zehn Jahren vom Urban Land Institute ULI mit Pricewaterhouse Coopers durchgeführte Ranking-Studie der Immobilienmärkte in Europa erkennt in diesem Jahr München und Berlin die Spitzenplätze zu. Die großen Hoffnungsträger der Branche, Istanbul und Warschau, wurden vom Podest gestoßen. Deutsches Betongold strahlt nun europaweit und wird, wenn nichts dazwischen kommt, noch weitere Investoren anziehen.

An München erkennt die Studie Zukunftschancen in den Bereichen Biotechnologie, Umweltwissenschaften und Medien. Die demografischen Voraussetzungen seien blendend, die Kaufkraft der Bevölkerung hervorragend. – „Silicon-Allee” sagen jetzt Insider, wenn von Berlin die Rede ist, so die Studie von ULI und PWC: 15.000 neue Unternehmen im Technologiebereich mit einem Umsatz von 19 Mrd. Euro hätten zur Reputation als Technologiestandort mit Alleinstellungsmerkmalen beigetragen. Eine neue Schicht von Spezialisten lässt die Nachfrage nach Wohnraum steigen. Die Reputation als Kulturmagnet wird weiter für hohe Besucherzahlen und eine entsprechende Auslastung der Hotels sorgen.

Überraschend um sieben Ränge wieder aufgestiegen ist London, das als globaler „sicherer Hafen” weniger von europäischen Krisen berührt erscheint. Doch sei gerade mit dem Finanzdienstleistungsgeschäft aus Immobiliensicht kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Marktchancen eröffnen sich im Technologiebereich und in der Kreativ-Wirtschaft. – In den vergangenen zehn Jahren soll „Emerging Trends in Real Estate” jeweils zu 80 Prozent richtig gelegen haben, belegt eine Untersuchung der Universität Tilburg. – Die Studie kann hier als PDF-Dokument herunter geladen werden.

Ranking 2013

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