Architektur

Berliner Stadtentwicklung: Neustart mit Kommunikationskonzepten

Mit einer Fachtagung suchte die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung „Leitlinien für die Planung neuer und ergänzender Stadtquartiere – grün und urban”

Um es vorweg zu sagen: Vor über 20 Jahren war Baupolitik in Berlin schon einmal weiter: Da diskutierte man Entwicklungsmodelle auf internationaler Ebene und zwar mit jenen Leuten, die aktuell interessante Projekte realisierten. Dazu zählten auch Developer und Banker, vor denen es keine Berührungsängste gab und natürlich Stadtplaner. Die berichteten von Baugruppen und kleinen Genossenschaften, die in von Entwicklungsgesellschaften gesetzten Rahmen sich an Stadterneuerung, Stadterweiterungen und gänzlich neuen Gartenstädten beteiligten mit dem Ziel, sich eine Wohnung, eine Nachbarschaft, eine eigene Welt zu erschaffen. Was könnte daran falsch sein? In Berlin hatten diese Diskussionen, sogar in Zeiten flauer Nachfrage, zu kleinen, bemerkenswerten Nachbarschaften geführt, zum Beispiel in der Rummelsburger Bucht.

Vor zehn Jahren war eine Förderung des Wohnungsbaus dann kein Thema mehr. Berlins Verwaltung wurde vom Finanzsenator geschrumpft und war sich selbst genug. So pfiffen Baugruppen und junge Genossenschaften auf den Staat und ließen ihre Projekte im Privaten erfolgreich sprießen. Tragisch dabei : Das Wissen um kooperative Entwicklungsmodelle, das sich vor allem in Berlin seit den frühen 80erJahren gebildet hatte, ging währenddessen in der Verwaltung verloren.

Es scheint, als hätten erst jetzt zwölf Millionen Touristen unterm Brandenburger Tor pro Jahr und jede Nacht Hunderte syrischer Flüchtlinge vor dem LAGeSo dem roten Rathaus klargemacht: Die Stadt ist gefragt wie selten zuvor. Der Zuzug reißt nicht ab. Es gibt keine freien Wohnungen. Die sozial Schwachen werden aus der Stadt gedrängt. Alarm!

Am 7. und 8. Dezember sollte im Forum Adlershof – guter Ort: ein Stadtteil, der Wissen schafft – das Gegenmittel gefunden werden. Es wurden gezielt 120 Teilnehmer zur Tagung eingeladen, eine Hälfte aus der Berliner Verwaltung, die andere Hälfte aus Institutionen und Unternehmen, mit denen die Verwaltung bereits zusammengearbeitet hat. Man kennt sich. Ein einziger „echter” Marktwirtschaftler, Henrik Thomsen von der Groth-Gruppe, spricht am ersten Tag über „Wohnungsbau in Berlin”. Was nicht ganz stimmt, denn das „Kirchsteigfeld”, über das er berichtet, liegt in Potsdam. Fertiggestellt wurde es vor siebzehn Jahren. – Uli Hellweg, ehemals Chef der Wasserstadt GmbH und dann Hamburgs IBA-Chef berichtet über Spandau und dann die Rummelsburger Bucht, die auch auf Grund ihrer kleinteiligeren Eigentumsstruktur sich letztendlich auf der stadtwirtschaftlichen Habenseite bilanzieren lässt.

Es sollte mit der Tagung die „Gartenstadt des 21. Jahrhunderts” definiert werden, von der möglichst bald mehrere außerhalb des S-Bahnrings, aber noch innerhalb der Landesgrenze wachsen sollen. Doch Landeskonservator Prof. Jörg Haspel präsentiert nicht, wie angekündigt, „die Gartenstadt nach E. Howard”, sondern Berlins Siedlungen der späten 20er Jahre und Wohnungsbauprojekte der Nachkriegs- und Neuzeit. Sollen die monofunktionalen Großsiedlungen mit ihrem “Abstandsgrün” tatsächlich das Vorbild für die Zukunft sein? Hätte Haspel aber den Gartenstadt-Theoretiker Ebenezer Howard präsentiert, hätten die Begriffe „Smokeless” und „Slumless” im Mittelpunkt gestanden: Eine industriekritische, dem handwerklich kleinteiligen Unikat zugewandte, frühe grüne Bewegung und ein sozialreformerischer Ansatz, die zusammen weit über das Städtebauliche hinausgehen und in einer Neuinterpretation sicher auch heute sozial orientierte Urbaniten ansprechen könnten.

Für jene gilt Freiburg als Modellstadt mit vielen guten Beispielen. Gut dreißig Jahre dauert dort mittlerweile die Entwicklung von Freiburg-Rieselfeld, einem Stadtteil für nunmehr 10.000 Einwohner, über den der frühere Planungsgruppenleiter Klaus Siegl berichtet. Konzept sind gemischte Eigentumsformen. Zehn Jahre Entwicklungszeit für einen Block sind normal. Das funktioniere nur, wenn die Politik auf einen einmal eingeschlagenen Weg keinen Einfluss mehr nehme.

Steffen Kercher vom Münchener Stadtplanungsreferat präsentiert das 20.000-Einwohner Entwicklungsgebiet Freiham. Die S-Bahn fährt bereits die zwölf Kilometer vom Stadtzentrum Richtung Westen dorthin. Es gibt schon einen Aussichtsturm und einen verabschiedeten B-Plan für erste 4.000 Wohnungen.

Aspern – Wiens neuste “Seestadt” führt Jakob Kastner von der „3420 Aspern Development AG” vor: Das ehemalige Flugfeld wirbt um Pioniere mit einem neuen See und einer U-Bahnhaltestelle. Die ersten Wohnungen sind bezogen, bis Ende nächsten Jahres sollen es 2.600 sein. Man plant bis 2028. Ein See als zentraler Identifikationspunkt erscheint ungewöhnlich für eine verdichtete Stadtentwicklung, bei der in der Regel das Zentrum ausstrahlen soll. Wobei hier der See mit Park als Attraktion fertiggestellt war, als die ersten Wohnungen bezogen wurden.

Drei Beispiele, die vor allem in den folgenden Diskussionen eins beleuchten: Berlin scheint so etwas nicht zu schaffen! In einer der Arbeitsgruppen am zweiten Tag fragt eine Teilnehmerin entgeistert, warum Freiburgs erfolgreiche Methoden der kleinteiligen Entwicklung nach dreißig Jahren noch nicht in Berlins Verwaltung angekommen seien? Der Vertreter einer großen städtischen Wohnungsbaugesellschaft am langen Konferenztisch wird unruhig: Hier wird in aller Unschuld die Existenzfrage gestellt, weil man doch gerade dabei ist, wieder Kapazitäten zu schaffen, die gerade große Fertigstellungszahlen garantieren sollen.

Und so werden mehrfach Mißverhältnisse zwischem stadtplanerischem Anspruch und Verwaltungswirklichkeit aufgedeckt: Neue Stadtbausteine in der Peripherie sollten sich an den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft orientieren, heißt es in einem Statement von Uli Hellweg, der eine der Arbeitsgruppen leitet: Urban Gardening, nachhaltige Energiewirtschaft und umweltfreundliche Mobilität werden weiter gefordert. Doch die Vertreter von Verwaltungen und städtischen Wohnungsbaugesellschaften meinen, sie könnten mit Gründächern keinen kostengünstigen Wohnraum schaffen. Das sei aber auch international „state of the art” wird eingewandt, man könne heute doch nicht wie in den 90er Jahren bauen. „Wie in den 80er Jahren!”, ergänzt empört eine Verwaltungsmitarbeiterin aus dem Umweltressort.

In zwei der drei Arbeitsgruppen wird diskutiert, ob man bei den Stadtergänzungen überhaupt von „Gartenstadt” reden dürfe, wenn es denn keine individuellen Gärten gäbe, was die Menschen bei der Nennung der Typologie aber erwarten würden. Man könne „Gartenstadt als Arbeitstitel” nutzen, meint Prof. Peter Slonicky, der mit Rainer Nagel die Gruppe zur städtebaulichen Qualität leitete, „wenn der Freiraum als konstituierendes Element garantiert” sei.

Die Kommunikation über die Entwicklungsprojekte wird in allen Gruppen als entscheidend für den Erfolg diskutiert. „Schon der erste Aufschlag zählt”, sagt Prof. Christa Reicher, die mit Uli Hellweg in einer Arbeitsgruppe „Lehren aus der Vergangenheit für Nachbarschaften und soziale Infrastruktur” zog. Immer wieder zitieren Verwaltungsmitarbeiter beim Stichwort Kommunikation ein „Quartiersmanagement” als hilfreich, wenn man den Menschen vor Ort begegne. Doch schon die Erwähnung jenes Managements lasse bei Standort-Interessierten Alarmglocken klingeln, meint ein anderer Teilnehmer: „Werden da Drogen gehandelt?” Es gibt weichere Formen des Sich-Kümmerns, ein „Quartiers-Bürgermeister” wird genannt. Die gute alte „Gemeinwesenarbeit” könnte eine Renaissance erleben.

Doch Kommunikation darf nicht erst einsetzen, wenn Probleme erkannt werden. Bundestiftung-Baukultur-Chef Rainer Nagel fordert vor dem Start neuer Quartiere eine Projektumfeldanalyse, ein integriertes Stadtentwicklungskonzept, eine Machbarkeitsstudie und ein Kommunikationskonzept. Vor allem das K-Konzept sei entscheidend, meint auch Prof. Harald Bodenschatz, als „Mehrwert-Check für jene, die schon am Standort da sind.” Auch Uli Hellweg erläutert, dass „Win-Win-Situationen” zu formulieren und zu kommunizieren seien, wenn die Stadterweiterungen überhaupt bei jenen, die im Umfeld wohnen, Akzeptanz finden sollen. Die Identifikation von unterschiedlichsten Zielgruppen, das Erkennen ihrer jeweiligen Bedürfnisse und Ansprüche und deren Umsetzung in Planung von Infrastruktur und Stadtquartieren seien Voraussetzungen für den Erfolg. Seit 25 Jahren hat urbanPR viele solcher Kommunikationskonzepte für große und kleine Stadterweiterungen erarbeitet und umgesetzt. Es sind dabei immer lebendige und nachgefragte Quartiere entstanden.

Ein Dilemma: Politik und Verwaltungen können aus ihrer Fürsorgepflicht für die gesamte Kommune keine solche auf Abgrenzung, Unterscheidung, letztlich Konkurrenz zielenden Kommunikationskonzepte für zu entwickelnde Räume erarbeiten und umsetzen. So fordert Rainer Nagel eine „integrierte Gesamt-Projektverantwortung durch Entwicklungsträger”. Und mit denen hat Berlin – unter dem Strich – bereits gute Erfahrungen gemacht.

Wohnen und Arbeiten von Jürgen Mayer H. in Jena

Jürgen Mayer-H in Jena

Nicht in Berlin, sondern in Jena gelingt Jürgen Mayer H. mit der Zentrale der Wohnungsgenossenschaft Carl Zeiss ein innerstädtisches mischgenutztes Ensemble, das auch dem BauNetz die Sprache verschlägt, wenn es „Sonniges Schwarz-Weiß” titelt. Die Fotos von David Franck zeigen einen Ort, bei dem man sich „plötzlich in einem Schwarz-Weiß-Film wähnt”. Hiermit ist Jürgen Mayer H. ein Blick in die Zukunft der Architektur gelungen, die er im Beitrag vom März 2013 beschreibt. Während sich in den Gebäuden Büros, Geschäfte und Wohnungen mischen, wird die Anlage im Gefüge der Umgebung zu einer Passage, welche die Stadt neu erschließt und den Passanten neue ästhetische Erfahrungen machen lässt.

Jürgen Mayer H. in Jena2

Die Architekten, der Kalbsfond und die Wohnungswirtschaft.– Eine wichtige Raumfrage.

Mehrere Zehntausend Wohnungen werden in den nächsten Jahren allein in Berlin gebaut werden. Die Politik fordert erschwingliche Mietpreise dort, wo sie direkt, durch Grundstücke oder erweiterte Baurechte fördert. Wo kann man also den Wohnungsbau rationalisieren? Zur Zeit läuft die Meinungsbildung unter Architekten in die Richtung, doch einfach das Produkt „Wohnung” neu zu definieren: Funktionen zusammenlegen, Flächen sparen. Konkret steht die abgeschlossene Küche auf dem Spiel. Was haben wir zu verlieren?

Mitte Dezember gab es im Tagesspiegel eine Doppelseite zum Thema, wie sich die Vorstellungen der Deutschen und der großstädtischen Berliner vom Wohnen entwickeln. Die Frage ist wichtig für die Immobilienwirtschaft, Planer und Architekten, wenn sie nicht am Markt vorbei produzieren wollen. Es ging in dem Artikel nicht um die 700 Quadratmeter großen Dachgeschosswohnungen am Gendarmenmarkt, auch nicht um YOO und LUX und weitere die Edelprodukte ab 5.000 Euro pro Quadratmeter.
Siehe http://www.tagesspiegel.de/berlin/staedtebau-in-berlin-wie-die-menschen-in-zukunft-leben-wollen/9217506.html

Eine Bilderkollektion zum Artikel war mit „Eine Küche wie Wohnzimmer” betitelt und gab dann diesen „starcken” Einrichtungstipp:Starck-Wohnküche
Ist das nun Philippe Starcks interaktives Kochbuchregal oder gleich eine Wohnküche? Ist dort eine blubbernde Bolognese vorstellbar, während der Spaghettitopf daneben gerade überkocht? Zum Artikel hatte Anna Pataczek auch ein Interview mit Christine Edmaier geführt, der Präsidentin der Berliner Architektenkammer. Sie geht davon aus, dass man innerstädtisches Wohnen bezahlen kann, wenn man Räume weglässt: Zum Beispiel Flur und Küche. Das würde teure Fläche sparen, aber Qualitäten erhalten.

„Man möchte zunehmend keine abgeschlossenen Küchen mehr, also Wohnzimmer und Küche und Esszimmer sind ein großer Raum. Das wird auch schon seit ein paar Jahren so gemacht – nicht nur im hochpreisigen Segment.” Siehe http://www.tagesspiegel.de/zeitung/interview-mit-christine-edmaier-wozu-brauchen-wir-so-viel-platz/9217504.html

Eine schlimme Perspektive
Eine schlimme Perspektive: Nie wieder Entrecote in der Grillpfanne garen? Nie wieder Lammkoteletts mit Knoblauch in Olivenöl sautieren? Keinen Oktopus mehr kochen? Nie wieder über Nacht aus Gemüsen und Kalbsknochen einen Fond köcheln lassen? Das ist alles nicht mehr drin bei „offenen” Küchen.

Denn die starken Aromen von Rind, Lamm, Meeresfrüchten oder Ausdünstungen langwieriger Kochvorgänge – vom unnötigen Frittieren mal ganz abgesehen – diese Aromen penetrieren gut in Polster, Textilien und Wandputz, vermischen sich zu einem Parfum, das vor allem auf eins keine Lust macht: In diesen Räumen noch einmal genussvoll zu essen. Denn Voraussetzung für Genuss ist Differenzieren können, also eine Geruchs- und Geschmacks-Neutralität der unmittelbaren Umgebung.

Warum gibt es denn das Wort „Küche”, das einen Raum mit Funktion bezeichnet? Weil dort unter anderen klimatischen Bedingungen als einem behaglichen Wohnklima agiert werden muss! „Neben ihrer reinen Funktion als Ort der Zubereitung von Nahrung, ist die Küche im Laufe ihrer Entwicklungsgeschichte immer wieder ein bestimmendes Element der Entwicklung von Wohnformen und Abbild gesellschaftlicher Strukturen gewesen”, liest man bei Wikipedia. Ja sicher, ich erinnere mich an die 80er Jahre und die langen Nächte in der Gemeinschaftsküche der Ufa-Kommune in der Tempelhofer Viktoriastraße. Obwohl es viele Köche gab, auch Feinschmecker, die „draußen” nichts ausließen, war das Essen dort bestenfalls Ernährung. Wo soll auch die Konzentration für einen kulinarisch-schöpferischen Prozess herkommen, wenn um den auf Inspiration Hoffenden zwanzig andere hungrig herumwieseln?
Lindenhof
Auf dem Foto ist die vor einigen Jahren restaurierte Gartenstadt-Wohnung im Schöneberger Lindenhof abgebildet, deren Zentrum eine (durch Türen zu Bad, Flur und Wohnzimmer abgetrennte) Wohnküche ist. Die räumlichen und funktionalen Zusammenhänge, die Martin Wagner 1918 hier geplant hatte, waren in einer Wohnung über Jahrzehnte erhalten geblieben. Der heutige Genossenschaftsvorstand Norbert Reinelt hat eine Möblierung entworfen, die den alten Funktionen entspricht. Von der Küche aus gibt es einen direkten Zugang zum Selbstversorger-Garten. Dorthin wird man durch die Nasszelle geleitet, wo man Erde vom Gemüse abspülen kann.

1926, Martin Wagner hatte gerade die Hufeisensiedlung gebaut, wurde er Stadtbaurat von Groß-Berlin und war somit für die Großsiedlungen verantwortlich: „Stätten glücklicher Muße” sollten es werden. Zum UNESCO-Weltkulturerbe haben sie es zumindest gebracht; im selben Jahr wurde die „Frankfurter Küche” im Rahmen des Projekts „Neues Frankfurt” des Wagner-Kollegen Ernst May durch die Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky entworfen. Ziel war, die Handlungsabläufe in der Küche zu rationalisieren und das Arbeiten zu vereinfachen. Die Frankfurter Küche sollte wie ein industrieller Arbeitsplatz gestaltet sein: Alle wichtigen Dinge sollten mit einem Handgriff erreichbar sein und eine Vielzahl von Gerätschaften sollen Arbeitsgänge verkürzen. Um die Forderung der schnellen Erreichbarkeit zu erfüllen, ist sie sehr kompakt gehalten, was den Erfordernissen der ersten Entwürfe des Massenwohnungsbaus entgegenkam.Frankfurterkueche
Die engen Platzverhältnisse der kleinen Wohnungen des Geschosswohnungsbaus der 1920er Jahre ließen keine konventionellen, also frei stehenden Küchenmöbel zu, wie sie in Einzelhäusern üblich waren. Die Küchen waren für ganze Gebäude einheitliche Maßanfertigungen. Es sollte die gesamte Funktionalität einer „großen“ Küche auf minimalem Raum von sechs bis acht Quadratmetern konzentriert werden. Die einzelnen Arbeitszentren sind so angeordnet, dass unnötige Bewegungen und Handgriffe vermieden werden. Ab 1928 lieferte der Tischlereibetrieb von Friedemir Poggenpohl so genannte „Reformküchen” deutschlandweit aus, die halbwegs massiv, sich durch „Zehner-Schleiflack“-Oberflächen auszeichneten.

Die reformierte Frankfurter Wohnungsküche hatte ihre Auswirkungen auch auf die Küchen der Gastronomie, allerdings mit der Verzögerung durch den zweiten Weltkrieg und die Wirtschaftswunderzeit: Wurde noch in den 60er Jahren in großen Sälen gekocht, wo man von Station zu Station hin und her lief, machte sich in den 70ern die Idee der kurzen Wege, des Zugriffs in Reichweite zunächst in den Küchen von APO- und Stundentenkneipen breit. Heute sind die kurzen Wege Standard in den Sterneküchen. Von 15 bis 30 Quadratmetern lassen sich Restaurants mit 60 Plätzen á la Minute beschicken. Im Bild Sonja Frühsammer, Aufsteigerin des Jahres der FAZ-Kritiker, in ihrer relativ kleinen Küche am Flinsberger Platz in Wilmersdorf.Sonja_Frühsammer_kl

Vom Kochen in der Wohnmaschine…
Kaum ein Gourmet und auch keine Franzose, sondern ein Schweizer, Charles-Édouard Jeanneret-Gris, der sich Le Corbusier nannte, machte sich daran, die Küche zum Kochen abzuschaffen. In seinen Unités d’habitation in Marseille, Nantes, Berlin und Firminy legte er die Küchenfunktion in den Wohnungen nach innen an den Versorgungsschacht, der auch eine Belüftung enthielt. le-corbusier-haus
Ich habe einige Jahre in so einer Wohnung am Berliner Reichssportfeld gelebt. Der Ausblick war umwerfend. Dieser Kasten ist die Küche, noch mit Originalausstattung von 1958. Wenn man aktiv kocht, muss man die Milchglasscheibe vorschieben und die Tür schließen. Man hat dann zwei Quadratmeter Bewegungsfreiheit. Bei niedrigem Luftdruck funktioniert der Luft-Austausch über den Lüftungsschacht nur bedingt: Es gelingt, vielleicht ein Spiegelei zu braten. Danach ist Schluss. Schiebefenster und Tür öffnen? Wohn- und Schlafzimmer bedämpfen? Dann lieber Essen gehen, war oft das Fazit!

Und das soll auch 55 Jahre später der Weisheit letzter Schluss sein? Gut, es wurde die Dunstabzugshaube erfunden. Aber ich kenne keine, die auch nur ein mittelgroßes Entrecote auf der Eisenpfanne bewältigen könnte.

…bis zur Kultur des Teilens
„Die Immobilienbranche hat noch nicht erkannt, dass sich Wohnbedürfnisse grundlegend wandeln”, sagt Franziska Steinle von Mathias Horx’ Frankfurter „Zukunftsinstitut”. Das Beratungs- und Trendforschungsunternehmen formuliert in einem Bericht zu erwartende Veränderungen: Dezentrales Wohnen setze sich zunehmend durch. „Die Wohnung bleibt der Kern, neue, ausgelagerte Bereiche kommen hinzu.” Beispiele dafür lassen sich heute schon finden: Kreative und Selbstständige sparen sich ihr Arbeitszimmer zu Hause und mieten einen Schreibtisch in einem Co-Working-Büro. Überhaupt kann man sich dank einer sich entwickelnden Kultur des Teilens immer mehr sparen – nicht nur das eigene Auto, sondern vielleicht sogar eine geräumige Küche. „Uns hat überrascht, wie stark der Gedanke der Shareconomy, also die Idee des Teilens und Tauschen, auch das Wohnen betrifft. Wer Gäste bewirten möchte, kann sich heute hierfür eine Küche inklusive Leihkoch mieten”, umschreibt Franziska Steinle ihr Küchen-Bashing.

Anzeige aus Wallpaper*, Ausgabe Dezember 2013

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Jene können sich ja dann auch von Bulthaup ausstatten lassen. Das Unternehmen zeigt hier in Wallpaper Referenzen entsprechender „High End Immobilen”. Da beansprucht allein die „offene Küche” die Fläche von drei Zwei-Zimmer-Wohnungen. Und ob in solchen Millionenprojekten jemals ein Bewohner kochen wird, ist mehr als zweifelhaft. Fastfood und gut organisierte Belieferung durch so genannte „Versorger” zählen mit zu diesem Ernährungssystem, das von der Architektur bis zur Instant-Zwiebelsuppe reicht.

Esskultur, Demokratisierung des Luxus oder Sieg des Rationalisierungsdenkens?
Die Folgen der „Offenen”-Küche-Bewegung sind der Verlust von Esskultur, die doch gerade seit einem Vierteljahrhundert in Deutschland wieder Boden gewinnt.
Warum gibt es denn in den Städten die „urban gardening”-Bewegungen? Man wird selbst aktiv, man hat direkten Kontakt mit Erde und Natur. Man entscheidet selbst, wann man erntet, ob man feinere Qualität oder mehr Ertrag bevorzugt. Man hat soziale Kontakte, die sich vielleicht auch auf’s Kochen erstrecken. Vorausgesetzt man hat eine leistungsfähige, geschlossene und außen liegende Küche.

Ich habe – nicht repräsentativ – einige Architekten befragt, ob sie für sich selbst offene oder abgeschlossene Küchen bevorzugen? Die Abstimmung ging 50:50 aus. Wobei jene mit offener Küche bekannten, nun nicht mehr nach Lust und Laune kochen zu können. Eine wirklich leistungsfähige Abzugshaube für den Privatbereich gebe es leider nicht. Dafür würde man mehr im Garten grillen. Jene, die sich für die geschlossene Variante entschieden haben, führten weitere Vorteile auf: Man könne benutzte Töpfe und schmutziges Geschirr auch mal stehen lassen und sich trotzdem nebenan wohlfühlen. Man könne frittieren und grillen, müsse dafür eben nur das Fenster öffnen.

Ist alles zu spät? Verlässliche Daten zur Küchenfrage gibt es nicht. Hoffnung machen einige Angaben in der GdW-Studie „Wohntrends 2030”: Nicht einmal finanziell klamme Studenten fühlten sich in Kleinstwohnungen mit Kochnische wohl. Eine große Küche wünschten sich viele, eine offene eher wenige: Das sind vor allem diejenigen, die sich einen großen Wohnraum leisten können. So folgert der Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen für die Anforderungen an die Wohnungen der Zukunft: „Wohnungen bieten aber auch wichtige Rückzugsmöglichkeiten, wenn einem die Anforderungen und Möglichkeiten der Welt draußen über den Kopf wachsen. Klare Grundrisse sowie natürliche und schlichte Materialien ermöglichen eine Erholung der Sinne.” Hoffnungsvoll wenden sich die Blicke derjenigen, die noch selbst kochen zur Wohnungswirtschaft. Wird sie auf die so genannte Innovation aus „dem hochpreisigen Segment” verfallen, vielleicht noch verbrämt als „Demokratisierung des Luxus”, oder wird sie dem robusteren Modell der Wohnung mit abgeschlossener Küche weiter den Vorzug geben?

Wenn es ums Geld geht, was bei funktionalen Immobilien ganz besonders der Fall ist, spricht viel dafür, dass Rationalisierungsdenken die Oberhand gewinnen wird. Irgendwann ist man dann bei einer Kaffeemaschinen-Mikrowellenkombinations-Dampfgarerkiste mit Geschirrspüler und Kühlbox angekommen, die nur einen Quadratmeter benötigt. Praktisch. Preisgünstig. Und gar nicht gut!

Die Zukunft der Architektur – Jürgen Mayer H.

Jürgen Mayer H. in seinem Büro in der Berliner Knesebeckstraße vor einem Foto seines Metropol Parasol in Sevilla

Jürgen Mayer H. in seinem Büro in der Berliner Knesebeckstraße vor einem Foto seines Metropol Parasol in Sevilla

Architektenkollegen rümpfen schon mal die Nase, wenn die Rede auf Jürgen Mayer H. kommt. So auch in der neusten Ausgabe der Internet-Zeitschrift uncube , die in Zusammenarbeit mit den Machern von „Kultur:Stadt”, der Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste entstanden ist: Als inhaltsleere Hüllen werden jene Bauten in Spanien beschrieben, die in Folge von Frank Gehry’s Guggenheim Museum in Bilbao entstanden sind, das den „Bilbao-Effekt” auslöste. Mayers Schatten spendender Metropol Parasol in Sevilla hat zumindest einen eigenen „Sevilla-Effekt” ausgelöst. Der Architekt, dessen Entwürfe auf digitalen Zahlenmustern basieren, gibt im Video auf urbanPR TREND Auskunft über Motive und Wirkungen, über Wettbewerbe und Bauherren. Und er zeigt sich aufgeschlossen für die Gestaltung von Strukturen im öffentlichen Raum, die bisher nicht mit architektonischem Anspruch in Verbindung gebracht wurden: Tankstellen, Grenzkontrollstellen… Noch mehr ist denkbar, womit sich ein Fokus auf bisher unbeachtete Orte lenken lässt und Anlässe für Kommunikation schafft. – Mittlerweile wurde der Metropol Parasol als eines von fünf Bauwerken für den Preis der Europäischen Union für zeitgenössische Architektur / Mies-van-der-Rohe-Preis  nominiert, was  Schulterzucken bei hehren deutschen Architekturgrößen auslöst.  Das wiederum erinnert an den Protest von Kulturgrößen Frankreichs im Jahre1887 wie Charles Gounod, Alexandre Dumas und Guy de Maupassant gegen den Bau des Eiffelturms, durch den „alle unsere Monumente gedemütigt werden”. – Womit würden wir heute Paris identifizieren, wenn der Turm, wie geplant, nach 1909 wieder abgebaut worden wäre? – Jürgen Mayer H. sucht Bauherren mit „Neugier auf die Zukunft der Architektur”. Diese können nur gewinnen.

Gebäude-Image vom Weltmeister

Ken Schluchtmann-ArchitekturfotografDer Berliner Fotograf Ken Schluchtmann wurde im Herbst 2012 auf dem World Architecture Festival in Singapur zum besten Architektur-Fotografen gekürt. Sein Siegerbild indes entspricht nur wenig den bislang gerühmten Beispielen von Architekturfotografie, bei denen es galt, Immobilien immer im besten Licht zu zeigen. Auf Schluchtmanns Foto legt sich Nebel um das Rasthaus auf dem norwegischen Trollstigenplateau von Reiulf Ramstad Arkitekter AS. Das sei der Look, den er mit Partner Dirk Dähmlow als diephotodesigner.de seit über zehn Jahren für Automobile und Immobilien entwickelt hat. Im Video für urbanPR TREND spricht Ken Schluchtmann über Image, Zeitgeist und Freigeist, den Arbeitsprozess, die Zusammenarbeit mit Architekten und über Budgets für weltmeisterliche fotografische Images.- Weitere Informationen direkt von urbanPR.

Neue Substanz statt Disney-Urbanität – urbanPR TREND lädt zur Entwicklung ein

 

„Überalterung und Geburtenrückgang lassen ganze Landstriche veröden, während sich in Ballungszentren sozialer Sprengstoff anhäuft. Hinzu kommt: Die virtuelle Revolution wird alle und alles verändern. Teledemokratie ersetzt Anwesenheitsdemokratie. Das urbane Kraftfeld verliert sich in universeller Gleichzeitigkeit. Alles zu viel, alles zu schnell. Und wir, die Architekten, wie begegnen wir diesem Armageddon?”, so fragte Peter Rumpf, der frühere Chefredakteur der Bauwelt in der „Stadtbauwelt” vom Dezember 2012. Resigniert hier der Architekt und Autor des Jahrgangs 1941 angesichts des informationstechnologischen Fortschritts, wenn er den Verlust des „urbanen Kraftfelds” konstatiert? Übertreibung?

„In den Innenstädten, wo sich Architekten mit den Mitteln des sozialen Wohnungsbaus um Revitalisierung des Stadtmythos bemühen, entsteht hinter historisierenden Fassaden urbanes Disneyland, während sich die urbane Struktur irgendwo im Computer versteckt.” Diese scheinbare Antwort auf Peter Rumpf habe ich dreißig Jahre zuvor, Anfang 1982 in Heft 3  der „Informationen zur Raumentwicklung” der damaligen Bundesforschungsanstalt für Landeskunde und Raumordnung zum Thema „Räumliche Wirkungen neuer Medien” veröffentlicht. Gegen Ende meines Studiums hatte ich Dank eines Stiftungsstipendiums die Möglichkeit, einige Zeit an der UCLA gemeinsam mit Stadtplanern, Soziologen, Ingenieuren und Bankern des damals führenden kalifornischen Kreditinstituts First Pacific National Bank, an einer Studie, einem Szenario „Los Angeles 2030” teilzunehmen. Es ging dabei darum, das Theorem des „Travel-Communications-Trade Off”, die Substitutionsbeziehungen zwischen Verkehr und Kommunikation als Einflussgröße zu überprüfen. Die Entwicklung von Personal-Computern, deren Vernetzung als neues Kommunikationsmittel und die Möglichkeit von mobilen Telefonen für alle zeichneten sich damals ab.

Die Bank finanzierte Reisen kreuz und quer durch die USA, um Vorstände, Wissenschaftler und Ingenieure bei IBM, Exxon, TimeWarner, bei der Army und bei General Motors zu befragen. Themen waren Klimaveränderungen, steigende Kosten für den Individualverkehr, Heim-Computer, Verkabelung,  Telearbeit, Flexibilisierung der Arbeitszeit, Rentabilität von Büroflächen, Individualisierung der industriellen Produktion, Teleshopping, dezentrale Energie- und lokale Nahrungsmittelproduktion. – An der Aktualität der Themen hat sich wenig geändert. Interesse der Bank war eine langfristige Einschätzung der Immobilienmärkte.

Das Szenario präsentierte ein Los Angeles, das sich bis 2030 in zehn selbständige Gemeinden mit vertikalen Gebäudestrukturen dezentralisieren wird. Große Teile des heute noch horizontal besiedelten Stadtgebiets würden zu Grün- und Wasserflächen, ein Teil der Freeways könnte aufgegeben werden, andere würden als Trassen für neuen Schienenverkehr dienen. Noch bleiben 17 Jahre, um die Studie zu bestätigen. Ganz daran glauben mag man nicht…  Denn bei den Wetterszenarien war man von einer Klimaabkühlung durch den Smog ausgegangen, von einer Zerstörung der Ozonschicht und Klimaerwärmung sprach noch niemand. Immerhin: Ein iPhone als mobile, persönliche Nachrichtenzentrale mit dem man Bankingfunktionen ausführen, Fernsehen gucken und Videos drehen und als Ticketersatz in ein Flugzeug einsteigen kann, war genauso ausserhalb der Vorstellungskraft.

„Alles zu viel, alles zu schnell”, beschreibt Peter Rumpf den Wandel, den wir selten wahrnehmen, sondern immer erst im Rückblick erkennen. –  Die Stadt als Marktplatz, zum Beispiel: Einzelhandelsinvestitionen sind im vergangenen Jahr 2012 um 28 Prozent zurückgegangen, berichtete Mitte Januar BNP Paribas Real Estate. Angesichts der sich rasant vermehrenden DHL-, DPD- und UPS-Transporter, die in zweiter Spur parken, bemerken jetzt auch Investoren, wie früher Flächen verbrauchende Einzelhandelsfunktionen sich ins Internet verflüchtigen. Die Lagerflächen werden auf Autobahnen und Stadtstraßen verteilt.

Einzelhandelsflächen verflüchtigen sich ins Internet. Lagerkapazitäten werden auf Autobahnen und Stadtstraßen verteilt.

Einzelhandelsflächen verflüchtigen sich ins Internet. Lagerkapazitäten werden auf Autobahnen und Stadtstraßen verteilt.

 

Doch noch sind die Einkaufsstraßen voll von Menschen. Noch. Mangels Investitionen heute werden in fünf Jahren keine neuen Handelsflächen zur Verfügung stehen. Wozu auch, wenn allenthalben Angebotsvielfalt und Angebotsniveau sinken? Den Menschen wird die Lust an dieser Art Einkaufen vergehen, wenn das Internetshopping noch interaktiver und attraktiver wird. Die Flagshipstores der großen Marken, die das reale Erleben einer Markenwelt bieten, werden die neuen Magneten sein. Gekauft und bezahlt wird online. Die Flagshipstores werden dort sein, wo das Kalkül aus Werteklima und maximalen Zielgruppenfrequenzen aufgeht. Das kann ein Autobahnkreuz sein, eine hoch erschlossene Innenstadt oder eine Tourismusdestination. Die Konversion von Kaufhäusern und Shoppingcentern wird ein spannendes Thema werden. – Mit dem Funktionsverlust als Markt, mit der Virtualisierung der Büro- und Produktionswelten geht die soziale Entmischung und Ausdünnung der Stadtzentren einher: Wer es sich leisten kann, zieht zu Seinesgleichen auf frisch ausgewiesenes Bauland oder in ein Konversionsprojekt mit Doorman.

Stadt- und Standortmarketing müssen sich neuen Themen zuwenden, weil die einst in den Zentren verorteten bürgerlichen Qualitäten mangels Rentabilität verblassen. Produkte, mit denen man Namen von Städten verband, werden in lohngünstigeren Regionen der Welt gefertigt. Mit Glück verbleibt die Marketingabteilung am Stammsitz. Kultursommer und Weihnachtsmärkte wirken nicht mehr  identitätsstiftend, sondern werden als Disney-Urbanität wahrgenommen. Die Menschen spüren den Substanzverlust und suchen die urbane Substanz aus sozialer Adhäsion und kultureller Admiration in weltweiten Netzwerken, Vorstädten oder dort, wo spannende Alternativen und neue urbane Lebensformen, auch als Herausforderungen auf Zeit, geboten werden.

Es geht darum, das Armageddon der urbanen Implosion durch neue echte Werte und Qualitäten um noch einmal mindestens dreißig Jahre zu verschieben. Und das soll Thema dieses urbanPR TREND-Blogs sein: Mut, die Realitäten des Wandels anzuerkennen, die Kreativität in Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst und Architektur herauszufordern, um neue attraktive soziale und gebaute urbane Umwelten zu befördern.

 

Thesen: Wohnen und Arbeiten – Ein städtisches Verhältnis

vlnr: GWG-Chef Klaus Hoffmann, Prof. Dr. Kilian Bizer, Prof. Gunter Henn, Rainer Milzkott mit Phaeton, dem Desiderat vieler Chinesen.

vlnr: GWG-Chef Klaus Hoffmann, Prof. Dr. Kilian Bizer, Prof. Gunter Henn, Rainer Milzkott mit dem Manufaktur-Produkt Phaeton, einem Desiderat vieler Chinesen.

 

 

Anlässlich der Göttinger Unternehmer-Gespräche der Gesellschaft für Wirtschaftsförderung und Stadtentwicklung Göttingen mbH (GWG) im vergangenen Jahr, hatte urbanPR folgende Thesen formuliert. Es diskutierten u.a. der Architekt Gunter Henn und der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Kilian Bizer. Die GWG fragte nach Konzepten, wie Wohnen und Arbeiten in Zukunft wieder zusammen geplant und organisiert werden können.

1.            Arbeit und Wohnen war das stadtbildende Funktionsverhältnis in Europa seit dem Mittelalter. Es bestimmt bis heute unsere Vorstellung von guter Stadt.

2.            Mit der Ablösung des Handwerks und der Zünfte durch mechanisierte Manufakturen vor 250 Jahren und industrielle Produktionsverfahren vor 150 Jahren zerbrachen die sozialen Hierarchien und zunftgeprägte Quartiere standen zur Disposition für neue, Kapital akkumulierende Bürgerschichten.

3.            Auf die soziale Trennung folgt die Trennung der durch zunehmende Umweltbelastungen unvereinbar gewordenen Funktionen von Wohnen und Arbeiten. Zwar wird, z.B. in der Charta von Athen, geringste Entfernung zwischen Arbeitsplatz und Wohnung gefordert, doch angesichts aufwändiger Infrastrukturen für Verkehr, Energie und Sozialwesen, entstanden unwirtliche vertikale Trabantenstädte für die aus den Innenstädten Verdrängten an den von den Arbeitsplätzen entfernten Peripherien. Als Alternative wird die weitere Zersiedlung der Landschaft praktiziert.

4.            Während der Aufwand für die Überwindung der Distanz zum Arbeitsplatz ein neues wirtschaftliches und ökologisches Problem darstellt, verliert die industrielle Warenproduktion an Bedeutung für den Arbeitsmarkt. Neue Wertschöpfung wird über Produkt-, Dienstleistungs- und Geschäftsmodellinnovationen erreicht. Arbeitsleistung dafür ist nicht mehr an einen Ort gebunden, seitdem sie mittels digitaler Netzwerke ubiquitär verfügbar ist.

5.            Während ehemalige Industrie- und Infrastrukturstandorte geöffnet und von Funktionen wie Bildung, Erholung und Wohnen durchdrungen werden, verlieren Innenstädte weiter an tatsächlichen Funktionen zu Gunsten von Image-Faktoren. Der stationäre Einzelhandel wird weitgehend durch die Logistikfunktionen Lagerhaltung und Auslieferung ersetzt. Die städtischen Funktionen von Wohnen, Arbeiten und Erholen verfestigen sich in den suburbanen Zwischenstädten.

Für den Wirtschaftswissenschaftler Kilian Bizer von der Georg-August-Universität heißt das Ziel, neue Unternehmen anzuziehen, die ihrerseits auf der Suche nach Standorten sind, an denen qualifizierte Arbeitnehmer zu finden sind. Weiteres entscheidendes Kriterium ist die Schaffung einer Umgebung, die auch zum Wohnen für Einpendler attraktiv ist. “Die nachhaltige Stadt” ist für Professor Bizer der Maßstab für den Erfolg bei der Gewerbeansiedlung.
Wie gut das seit zehn Jahren bereits in Dresden funktioniert, demonstrierte der Architekt Gunter Henn am Beispiel seiner “Gläsernen Manufaktur”, in welcher der Phaeton gebaut wird, in Produktionshallen, die mit einem Parkett aus Bergahorn ausgelegt sind. Die edle Umgebung fordere in dem praktisch emissionsfreien Betrieb die Mitarbeiter zur Sauberkeit und Präzision auf. Das ist auch notwendig, da man aus den hundert Meter entfernten Wohnblocks bei der Produktion zusehen kann.
Auch sonst lädt man jedermann in die einen Kilometer von der Frauenkirche entfernte Fabrik ein, die nicht in einem Gewerbepark, sondern an der Ecke eines Stadtparks gelegen ist. Im Grundbuch wurde eine Hybrid-Nutzung als Kulturstätte festgeschrieben Auch Dresdens bestes Restaurant befindet sich heute dort. Die mehrheitlich chinesischen Käufer der Phaetons staunen nicht schlecht über diese Art der Produktion und die Belieferung der Manufaktur, die mit einer speziellen Bahn geschieht, welche die öffentliche Straßenbahngleise nutzt. “Für die Stadt bringt die Manufaktur Sinngebung und Identität zurück,” betonte Henn.
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