Wer führt die Städte aus der Sackgasse?

Die großen Städte in Deutschland stecken tief in der Zukunftskrise – und sie merken es teilweise noch nicht einmal. Oder sie hoffen, die Krise mit Mitteln bekämpfen zu können, die sich seit 60 Jahren eigentlich nicht wirklich bewährt haben, sondern im Gegenteil, die Krise durch Funktionsverluste und Segregation erst herbeiführten. Zu diskutieren ist jetzt ein Neuansatz in der Stadtentwicklungs- und Wohnungspolitik, der sowohl Altbewährtes und Vergessenes als auch Innovatives einschließt.

Berliner Liste – Mieter*innen stressen zurück” ist ein Blog betitelt, auf dem seit April 2013 Adressen von Eigentümern, Investoren, Projektentwicklern, Hausverwaltungen, Wohnungsbaugesellschaften, Justiz und Polizei, Politik sowie Unterstützer, Lobbyisten und Think Tanks aufgeführt sind, die „ungestört zusammenarbeiten” um ihr „verhältnismäßig sicheres Geschäft” zu betreiben. „Die Eigentümer werden immer reicher, da sie mehr Miete verlangen, und den Menschen mit geringen Einkommen bleibt noch weniger als ohnehin schon. Das Recht auf Eigentum ist in der kapitalistischen Stadt wichtiger als das Recht auf Wohnen”, schreiben die Aktivisten ohne Impressum. Immer häufiger zerbrechen Fensterscheiben, klatschen Farbbeutel an Fassaden oder brennt es bei den aufgeführten Adressen. Der Staatsschutz ermittelt.

„Die Innenstädte werden von Gutverdienern erobert”, kommentiert die Grünen-Spitzenkandidatin Katrin-Göring-Eckardt im Tagesspiegel Ende Juli 2013. Sie rät zu „Leitplanken, um die soziale Mischung zu erhalten”: Mietsteigerungen sollen „flächendeckend” auf 15 Prozent innerhalb von vier Jahren beschränkt werden. Die Wohnraumförderung solle, wo es sie noch gibt, zweckgebunden für bezahlbaren Wohnraum ausgegeben werden, und das Wohngeld müsse der Verdrängung von Menschen mit geringeren Einkommen entgegenwirken. Bei CDU, SPD und Linke gibt es ähnliche Forderungen. Die FDP lehnt Mietpreisdeckelungen ab. Dafür seien „Klimaschutz und Energieeinsparung zentrale Handlungsfelder. Wir wollen Wohnen energieeffizienter machen und den CO2-Ausstoß wirksam und dauerhaft senken.” Das unterschreiben auch alle anderen Parteien. Allerdings werden diese Konzepte die „stressenden Mieter*innen” wohl nicht versöhnen…

Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden in den 1920er-Jahren in vielen deutschen Städten neue Siedlungen, die insbesondere Bevölkerungsgruppen mit kleinem Einkommen ein gesundes Wohnumfeld bieten sollten. Einige berühmte Beispiele finden sich in Berlin, etwa der Lindenhof in Schöneberg, die Hufeisensiedlung im Stadtteil Britz oder die Wohnstadt Carl Legien in Prenzlauer Berg. Letztere sind heute Teil des UNESCO-Weltkulturerbes „Siedlungen der Berliner Moderne”. Beim Projekt Neues Frankfurt unter der Leitung von Ernst May wurde der soziale Wohnungsbau mit einer Erneuerung der Wohnkultur verknüpft.

Aus einer Tradition der Wohnungsreform und des öffentlichen Wohnungsbaus der Weimarer Republik entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg zwei Entwicklungsstränge: Ein staatlicher Massenwohnungsbau in der DDR, der über drei Qualitätsperioden vom Bauen in der Nationalen Tradition (1950er Jahre) über eine Phase der internationalen Moderne (1960er Jahre) zum massenhaften Plattenbau in Neubaugebieten und den Innenstädten führte, und der soziale Wohnungsbau der Bundesrepublik, der von Anfang an durch ein Nebeneinander von Miet- und Genossenschaftswohnungen und der Förderung des Wohnungseigentums für die laut Gesetz beschriebenen Gruppen gekennzeichnet war. Für den Mietwohnungsbau, der anfangs als Lückenschließung von Kriegsbrachen, später aus Neubau auf der Grünen Wiese und seit den 1970er Jahren auch als Ersatzneubau in Stadterneuerungsgebieten durchgeführt wurde, waren anfangs städtische Gesellschaften die wichtigsten Akteure; sie übernahmen eine wichtige stadt- und sozialpolitische Rolle. Seit den 1980er Jahren wurden die Länderprogramme zunehmend für private Investoren geöffnet.

Margret und Alexander Mitscherlich beklagten bereits 1965 „Die Unwirtlichkeit unserer Städte” in der Bundesrepublik. Während Städte früher integrierte Lebens- und Arbeitsräume geboten hätten, wären sie inzwischen „funktionell entmischt”: Nicht erst seit dem Bau von Trabantenstädten seien Wohnen und Arbeiten auf verschiedene Stadtteile aufgeteilt. Wer es sich leisten könne, kaufe ein Stück Natur und ziehe aufs Land. In der Vorortvilla sahen Mitscherlichs die “Demonstration der monetären Potenz” einer einzelnen Familie. -
Heute zeugen Town- oder Penthouses mit PKW-Aufzug von der wirtschaftlichen Überlegenheit ihrer Bewohner.

Nur hatte die funktionale Entmischung doch eigentlich gar nichts mit den Wohnverhältnissen zu tun. Sie ist quasi als Kollateralschaden des massenhaften Wohnungsbaus „passiert”. Die Mitscherlichs hatten die europäische Stadt der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Referenz vor Augen: Boulevards gesäumt von fünf- bis sechsgeschossigen Häusern, in denen auf Straßenniveau Läden sind, Kanzleien und Praxen im ersten Geschoss, hinter der Tordurchfahrt im Hof Handwerker und Händler, darüber die Seitenflügel der großen Wohnungen aus dem Vorderhaus und schließlich in Hinterhöfen kleinere bis kleinste Wohnungen. Ganz hinten gab es vielleicht auch noch einen Kuhstall, einen so genannten Abmelkbetrieb. In Berlin haben die letzten dieser urbanen Agrarbetriebe erst Ende der 70er Jahre des 20. Jh. geschlossen.

Im Grunde wurden in der Stadtentwicklung angesichts tatsächlich unzumutbarer Zustände und einer Sprachlosigkeit zwischen den sozialen Milieus, in gut demokratischer Manier, die Interessen geordnet und gebündelt. Und zwar in einer Weise, dass wirklich jede Interessengruppe gefördert wurde. Aber die unzumutbaren Zustände wurden nicht verbessert, es wurden keine Kompromisse ausgehandelt. Es wurden gegenseitige Störungen durch Emissionen oder Betriebsabläufe einfach eliminiert: Einzelhandel kam zu Einzelhandel, Kanzlei zu Kanzlei, Handwerk zu Handwerk. Und wenn Lebensmittelproduktion möglichst weit weg von arbeitenden und wohnenden Menschen geschieht, dann erhält sie heute ein BIO-Zertifikat. Zurück blieben Menschen in reinen „Wohnvierteln” der klein-, mittel- oder großbürgerlichen Art

Für das Fördern der Gruppeninteressen ist der Begriff der „Solidarität” von essentieller Bedeutung. Der Soziologe Richard Sennett beschreibt in seinem jüngsten Buch „Zusammenarbeit – Was unsere Gesellschaft zusammenhält” die zentrifugalen Kräfte der dialektischen Erklärungsmuster, mit denen man Gruppen formen und gegeneinander aufstellen kann. In der Stadtentwicklung nennt sich das „Segregation”. Mit dialogischen Mustern dagegen erreiche man Ziele, wie jene der „Kooperation”, die im überschaubaren gesellschaftlichen Rahmen ertragreichere und nachhaltigere Ergebnisse mit sich bringen können. Da wären wir wieder bei der verdichteten, integrierten Stadt, in der die Zustände durch Dialog verbessert werden könnten.

Das allgemein geäusserte Unwohlsein am Status quo der Stadtentwicklung in Mitteleuropa heute basiert auf der Erkenntnis, dass die räumlichen Trennungen von urbanen Funktionen und sozialen Gruppen mit enormen Kosten hinsichtlich Land- und Ressourcenverbrauch, Verkehrs- und CO2-Belastungen einhergehen. Unsere Städte könnten Wachstums- und Innovationsmotoren sein, wenn sie nur im kooperativen Sinne funktionieren würden. Doch jegliche Reparaturversuche mittels Wohnraumförderung oder Wohnungs-Regulierungen gehen wieder nur in Richtung der Befriedigung von Klientelen mit der Folge weiterer Segregation.

Gibt es also ein Modell, das „zukunftsfest” ist? In Jonas Geist und Klaus Kürvers dreibändigen Standardwerk über „Das Berliner Mietshaus” werden die gegen Ende des 19. Jh. gängigen Rentenmodelle aus verdichteten und gemischten Wohnen und Arbeiten als ein durchaus erträgliches und nachhaltiges Unternehmenskonzept beschrieben.

Wenn sich langfristig Renditen zwischen drei und vier Prozent erwirtschaften ließen, müssten solche Modelle für Anlagemöglichkeiten suchendes Kapital etwa der Lebensversicherer interessant sein. Was fehlt sind einerseits private und kommunale Wohnungsunternehmen sowie Genossenschaften, die sich auf gemischte Projekte einlassen und eine Bauleitplanung der Städte andererseits, welche die gemischten Formen fordert. Gefordert, aber auch weiterhin gefördert werden müssten alle Maßnahmen, die zur langfristigen Senkung der vom Wohnen ausgehenden Kohlendioxid-Belastungen sowie zur Senkung der Energiekosten der Bewohner beitragen. Dienstleister wie die Berliner Energieagentur beweisen, wie sinnvoll Aussenflächen von Gebäuden für Photovoltaik genutzt und in Verbindung mit kleinen Blockheizkraftwerken gewinnbringend zum Energiehaushalt der Kommunen beitragen können.

In Düsseldorf gibt es seit Kurzem ein Konzept, nach dem künftig alle Neubauprojekte, die auf einem Bebauungsplan basieren, 20 Prozent sozial geförderte Wohnungen enthalten. Außerdem soll den Bauherren für weitere 20 Prozent der Wohnungen eine preisgedämpfte Kaltmiete von maximal 8,50 Euro pro Quadratmeter verordnet werden. Der Preis soll für zehn Jahre, indexiert mit der Inflationsrate, festgeschrieben werden.

Vorstellbar wäre es, weitere 20 Prozent der Flächen für Gewerbe- und Dienstleistungsnutzungen festzuschreiben. Blieben immerhin noch 40 Prozent für luxuriöseres Wohnen. Das Gewerbe könnte sich natürlich auch auf das Wohnen ausrichten: Servicedienste, Pflegedienstleister, Kindertagesstätten, Gastronomie. Bewirtschaftete Appartements für die kurzzeitige Vermietung sind denkbar, mit einem Concierge, der auch für das gehobene Wohnen als Kümmerer zuständig ist. – Vorstellbar wäre, die Installation von Energie erzeugenden Anlagen festzuschreiben und damit gleichzeitig auch die Installation von Ladesäulen für das E-Car-Sharing. So werden wieder einige Stellplätze überflüssig, Flächen, die in die Grünbilanz eingerechnet werden könnten, wenn auf ihnen professionelles urban farming betrieben wird.

Das ist kein zukunftsfernes Ökotopia, alle diese Beispiele sind in Europa an verschiedenen Orten bereits wirtschaftlich tragfähige Realitäten. Was die Entwicklung bremst, sind Wohnungswirtschaft und Wohnungspolitik, für die Verwaltung und Erhaltung im Vordergrund stehen. Für Kooperation mit innovativen Dienstleistern fehlt das Personal. Der Politik fehlt der Mut, den Menschen auch erklären zu müssen, dass sie in den vergangenen 60 Jahren die Städte in eine Sackgasse manövriert hat.

 

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