Wachsende Stadt bittet um „Investorenkultur”

In der ehemaligen Abflughalle des Flughafen Tempelhof wurden eine Bühne aufgebaut und Stühle in Reih und Glied gestellt für eine weitere „Standortkonferenz Tempelhofer Freiheit”. Ein hohes Stockwerk darüber, im ehemaligen Flughafenrestaurant, diskutierten derweil etwa 80 Mitglieder des ULI (Urban Land Institute) aus allen Ecken Europas bei einem Urban Leader Forum über diese schwer verständliche Boomstadt Berlin. Die Merheit der ULI-Mitglieder sind CEOs der Wohnungswirtschaft – vulgo Investoren – ein kleinerer Teil sind leitende Kommunalbeamte und Planer, und so diskutierte man abschließend, ob die Städte, gemeint war aber Berlin, eine neue „Investorenkultur” brauchen würden. Die kommunale Seite wurde von Berlins Senatsbaudirektorin Regula Lüscher und dem Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, Hans Panhoff, vertreten.

Während Lüscher die Perspektiven des Wachstums der Stadt beschrieb und Planungsansätze für neue soziale und funktionale Mischung als Anreiz für einen „neuen Typ von Investor” anpries, mochte sich der Baustadrat dem so nicht stellen, hatte schon „Bauchschmerzen bei städtebaulichen Verträgen”, die als Bestechung bei der Vergabe von Grundstücken und Baurechten interpretiert werden könnten. Werde neu gebaut, stiegen die Preise im Kiez und es würde die angestammte Bevölkerung verdrängt durch die dann insgesamt Jüngeren und Besserverdienenden. „Aber die wollen ihre Kinder dann auch in eine Schule schicken, die wir aber nicht haben”, argumentierte Panhoff. – Also besser keine Entwicklung im Kiez? Der Baustadtrat formulierte ein „Jein”, so dass Frank Billard, Vorstand von Union Investment Real Estate mit Gefasstheit fragte, „Investorenkultur ist dann also, wenn man einen Kindergarten ohne Bedingungen schenkt?”

Der Versuch, Bezirke wie Kreuzberg vor Zuzug und Nachfrage abschotten zu wollen, sei sinnlos, meinte Michael Spies, Europachef von TishmanSpeyer aus London mit einem Jahrzehnt Berlin-Erfahrung, das Spannende hier ergäbe sich gerade aus dem Druck und dem ständigen Wandel. Verglichen mit München, Frankfurt und Hamburg ist Berlin eine arme Stadt, die größte Ressource seien die jungen Menschen, die nach Berlin zögen, meinte Jean-François Ott, Chef von ORCO-Germany, und dadurch werde die Stadt mittelfristig aufholen, aber sich lange noch nicht den Miet- und Quadratmeterpreisen von München und Hamburg annähern, die im europäischen Vergleich noch im Mittelfeld liegen.

Die Blicke der Teilnehmer schweiften immer wieder aus dem Ex-Restaurant über das weite Tempelhofer Feld, auf dem sich in der Dämmerung drei oder vier Spaziergänger ausmachen ließen. Greg Ward, Direktor der Wirtschaftsentwicklungsgesellschaft von Edinburgh, wiegte den Kopf, „das ist drei Mal der Central Park von New York, und hier ist mit dem leeren Flughafen der größte Baukörper Europas. Wo ist Euer Problem?” Dass eine Landesbibliothek gleich nebenan neu gebaut werden soll, konnte der Schotte überhaupt nicht verstehen. Sei Berlin denn nun arm oder reich? Fehlten Architekten, die eine solche Bibliothek im Flughafen unterbringen könnten? Warum gibt es keine jungen Unternehmen, die in den übrigen Gebäuden arbeiten? Warum werden keine Wohnungen hier rund um einen verbleibenden Central Park gebaut? Wohnen, Arbeiten, Freizeit, alles sei hier an einem Ort realisierbar, man bräuchte kein Auto. Verdrängen würden die neuen Bewohner lediglich das Nichts…

Beim Verlassen der Veranstaltung werden in der Abflughalle die Mikrofone für die Standortkonferenz eingepegelt, „One, two, one, two, eins, eins eins…”. Nach vielen Jahren der Beobachtung der Berliner Kommunalpolitik wächst in mir die Überzeugung, dass man hier nicht in der Lage ist, eins und eins zusammenzuzählen: Junge und qualifizierte Menschen drängen in die Stadt, wollen hier arbeiten und wohnen. Wer hier wohnt und arbeitet und konsumiert, zahlt vielfältigste Steuern. Da kommen schon vom Wanderungssaldo eines Jahres sehr große Summen zusammen, für die man locker eine Handvoll Schulen und Kindergärten bauen kann. Doch „Die Auseinandersetzungen um das Tempelhofer Feld nehmen an Schärfe zu”, berichtet heute „Der Tagesspiegel” über die Standortkonferenz. Von 4.500 Wohnungen ist die Rede. Die würden nicht mal für die Zuwanderung eines Jahres reichen. Und von der neuen Landesbibliothek ist die Rede, aber nicht von den existierenden Flughafengebäuden. Eins und eins macht hier noch immer: Nichts!

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