Wie Online-Kommunikation Favelas gesellschaftsfähig macht

Dunkel und minus 4 Grad kalt war es am 22. Januar abends in der Berliner Schumannstraße, wo das Gebäude der Heinrich-Böll-Siftung steht. Sonnig und 34 Grad warm war es zur selben Zeit in der Favela Rocinha in Rio de Janeiro, aus der Marina Moreira, Michel und Michele Silva https://www.facebook.com/VivaRocinha #favelasonline in der Böll-Stiftung sowie Tiago Bastos aus der Complexo do Alemao über Twitter in den Saal mit etwa 80 Interessierten kommunizierten. Die waren gekommen, um mehr über den Wandel durch das Internet in den Armenvierteln von Rio de Janeiro zu erfahren. Die Journalistinnen Sonja Peteranderl und Julia Jaroschewski hatten 2013 in der Favela Rocinha gewohnt, die Lebensbedingungen und die Veränderungen beobachtet, nachdem die Unidade de Policia Pacificadora, die „Befriedungspolizei” UPP sich dort festgesetzt und die bis dato herrschenden Drogenhändler veranlassten, sich zumindest von den Straßen und Gassen zurückzuziehen. „Man sieht sie nicht mehr, aber sie sind noch da, man spricht nicht darüber”, erklärte Sonja Peteranderl. Es wird in Rio viel diskutiert, ob die „Schmusepolizei” lediglich zur Befriedung der um die touristisch relevanten Regionen Rios gelegenen 200 Favelas anlässlich der Fußball-WM eingesetzt wurden, während 800 weitere Favelas weiter sich selbst, beziehungsweise den Drogengangstern überlassen bleiben. http://buzzingcities.net/

Mit der UPP drangen auch die Internetprovider in die bis dahin auf Karten als „Morro”, also „Berg” bezeichneten Armenviertel Rios ein, die gut ein Viertel der Bewohner der Stadt behausen. Mit Sonderkonditionen wie Tagestarifen gelang es den Gesellschaften, schnell eine Vernetzung von über 75 Prozent der vorwiegend jungen Bewohner der Favelas zu generieren. Das mobilie Telefon ist der vorwiegende Netzzugang. „G3 funktioniert nur selten” twitterte Tiagi Bastos, „W-Lan in vielen Häusern” ist die Lösung. Die neue Kommunikationsinfrastruktur wurde alsbald von einer neuen Generation von Onlinejournalisten genutzt, zu denen auch die verbundenen Twitterer zählen. Sie kommunizieren den Alltag aus den Favelas zu deren Bewohner, aber natürlich auch zu jenen Einwohnern Rios, für welche die Favelas als gefährliche Orte galten, die man nicht aufsucht. So tauchen Berichte aus den und über die Favelas zunehmend in den etablierten Medien auf. Die Favela-Journalisten vertreten dabei durchaus die Interessen der Bewohner. Als im Juli der Mauerer Amarildo de Sonza nach einer Verhaftung durch die UPP verschwunden blieb, berichteten die Favela-Journalisten, forderten Aufklärung, organisierten öffentlichen Druck und erreichten schließlich eine Untersuchung, bei der festgestellt wurde, dass Amarildo gefoltert wurde, an den Folgen starb und die Leiche beseitigt worden war. Zwei Dutzend Polizisten der UPP wurden angeklagt, der Chef der UPP-Rocinha musste gehen.

Ein Wiki-Mapa-Projekt mit sechzehn Reportern arbeitet an der virtuellen Verortung der Favelas. Die Wikireporter sind zwischen 16 und 25 Jahre alt, internetaffine Jugendliche und junge Erwachsene, die einem dreitägigen Workshop lernen mit dem Handy Fotos aufzunehmen und Videos zu produzieren, mit der Wikimapa-Webseite und der App umzugehen, mit der sie Fotos und Informationen aus den Favelas verorten. Die virtuellen Karten sollen nicht nur den Blick von außen verändern, sondern wirken auch nach innen: Die Favelabewohner entdecken vieles, was sie selbst noch nicht kannten – und manche Geschäftsinhaber hoffen, dass der Eintrag kostenlose Werbung für sie ist. (http://favelawatchblog.com)

Und in der Tat werden kleine Gewerbe, Handwerker, Händler, Dienstleister und Restaurants sichtbar, erzeugen auf Gemeinschafts- oder eigenen facebook-Seiten Aufmerksamkeit für ihre Angebote. Dies zieht wiederum potenzielle Kunden an, die vorher die Favelas noch nie betreten hatten. So kann man aktuell beobachten, wie durch die Online-Kommunikation ein dynamischer Markt entsteht.
Nur lässt der neue Markt sich nicht auf folkloristische Nieschen beschränken: Schon ist von einer Gentrifizierung der größten Favela Rocinha die Rede. Zuerst wurden Übernachtungsmöglichkeiten mit Blick auf die Strände angeboten. Dann wurden erste Favela-Grundstücke gehandelt. Hostels entstanden. In einem Artikel für die WELT beschrieb Julia Jaroschewski das spekulative Geschäft http://www.welt.de/wirtschaft/article122750372/Auslaender-gentrifizieren-die-brasilianischen-Favelas.html

Bei Favelabewohnern, die beobachten, dass sich die Drogengangs jetzt bewusst ruhig verhalten, besteht die Angst, dass nach WM und Olympia die Kriminalität wieder Oberhand gewinnen könnte. Andererseits setzen die neuen Kommunikationsmöglichkeiten viel neue Kreativität frei, die den Wandel beschleunigen wird. Das bedeutet aber nicht, dass die Favelabewohner nun zu ausschließlich produktiven Krawattenträgern würden. Mit der Onlinekommunikation entstand zum Beispiel auch eine neue gemeinschaftliche Ausdrucksform: der Rolenzinho. Dabei besuchen Jugendliche teure Einkaufszentren nicht zum Einkaufen, sondern, um Atmosphäre zu geniessen und sich selbst darzustellen. Das Wort Rolenzinho ist nicht übersetzbar. Die Twitterer aus Rio berichteten auch hier schon wieder von Differenzierung: „Rolenzinho für Arme ist Arrastao (Tumult am Strand, um etwas im Chaos zu klauen), Rolenzinho für Reiche ist Flashmob.” Wie das am Strand aussieht, zeigt ein Video vom November: http://youtu.be/VRn6CDwAZp0

Twitter-Dialog Berlin-Rio an die Wand gebeamt

Twitter-Dialog Berlin-Rio an die Wand gebeamt

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