Bürowelt

Neue Substanz statt Disney-Urbanität – urbanPR TREND lädt zur Entwicklung ein

 

„Überalterung und Geburtenrückgang lassen ganze Landstriche veröden, während sich in Ballungszentren sozialer Sprengstoff anhäuft. Hinzu kommt: Die virtuelle Revolution wird alle und alles verändern. Teledemokratie ersetzt Anwesenheitsdemokratie. Das urbane Kraftfeld verliert sich in universeller Gleichzeitigkeit. Alles zu viel, alles zu schnell. Und wir, die Architekten, wie begegnen wir diesem Armageddon?”, so fragte Peter Rumpf, der frühere Chefredakteur der Bauwelt in der „Stadtbauwelt” vom Dezember 2012. Resigniert hier der Architekt und Autor des Jahrgangs 1941 angesichts des informationstechnologischen Fortschritts, wenn er den Verlust des „urbanen Kraftfelds” konstatiert? Übertreibung?

„In den Innenstädten, wo sich Architekten mit den Mitteln des sozialen Wohnungsbaus um Revitalisierung des Stadtmythos bemühen, entsteht hinter historisierenden Fassaden urbanes Disneyland, während sich die urbane Struktur irgendwo im Computer versteckt.” Diese scheinbare Antwort auf Peter Rumpf habe ich dreißig Jahre zuvor, Anfang 1982 in Heft 3  der „Informationen zur Raumentwicklung” der damaligen Bundesforschungsanstalt für Landeskunde und Raumordnung zum Thema „Räumliche Wirkungen neuer Medien” veröffentlicht. Gegen Ende meines Studiums hatte ich Dank eines Stiftungsstipendiums die Möglichkeit, einige Zeit an der UCLA gemeinsam mit Stadtplanern, Soziologen, Ingenieuren und Bankern des damals führenden kalifornischen Kreditinstituts First Pacific National Bank, an einer Studie, einem Szenario „Los Angeles 2030” teilzunehmen. Es ging dabei darum, das Theorem des „Travel-Communications-Trade Off”, die Substitutionsbeziehungen zwischen Verkehr und Kommunikation als Einflussgröße zu überprüfen. Die Entwicklung von Personal-Computern, deren Vernetzung als neues Kommunikationsmittel und die Möglichkeit von mobilen Telefonen für alle zeichneten sich damals ab.

Die Bank finanzierte Reisen kreuz und quer durch die USA, um Vorstände, Wissenschaftler und Ingenieure bei IBM, Exxon, TimeWarner, bei der Army und bei General Motors zu befragen. Themen waren Klimaveränderungen, steigende Kosten für den Individualverkehr, Heim-Computer, Verkabelung,  Telearbeit, Flexibilisierung der Arbeitszeit, Rentabilität von Büroflächen, Individualisierung der industriellen Produktion, Teleshopping, dezentrale Energie- und lokale Nahrungsmittelproduktion. – An der Aktualität der Themen hat sich wenig geändert. Interesse der Bank war eine langfristige Einschätzung der Immobilienmärkte.

Das Szenario präsentierte ein Los Angeles, das sich bis 2030 in zehn selbständige Gemeinden mit vertikalen Gebäudestrukturen dezentralisieren wird. Große Teile des heute noch horizontal besiedelten Stadtgebiets würden zu Grün- und Wasserflächen, ein Teil der Freeways könnte aufgegeben werden, andere würden als Trassen für neuen Schienenverkehr dienen. Noch bleiben 17 Jahre, um die Studie zu bestätigen. Ganz daran glauben mag man nicht…  Denn bei den Wetterszenarien war man von einer Klimaabkühlung durch den Smog ausgegangen, von einer Zerstörung der Ozonschicht und Klimaerwärmung sprach noch niemand. Immerhin: Ein iPhone als mobile, persönliche Nachrichtenzentrale mit dem man Bankingfunktionen ausführen, Fernsehen gucken und Videos drehen und als Ticketersatz in ein Flugzeug einsteigen kann, war genauso ausserhalb der Vorstellungskraft.

„Alles zu viel, alles zu schnell”, beschreibt Peter Rumpf den Wandel, den wir selten wahrnehmen, sondern immer erst im Rückblick erkennen. –  Die Stadt als Marktplatz, zum Beispiel: Einzelhandelsinvestitionen sind im vergangenen Jahr 2012 um 28 Prozent zurückgegangen, berichtete Mitte Januar BNP Paribas Real Estate. Angesichts der sich rasant vermehrenden DHL-, DPD- und UPS-Transporter, die in zweiter Spur parken, bemerken jetzt auch Investoren, wie früher Flächen verbrauchende Einzelhandelsfunktionen sich ins Internet verflüchtigen. Die Lagerflächen werden auf Autobahnen und Stadtstraßen verteilt.

Einzelhandelsflächen verflüchtigen sich ins Internet. Lagerkapazitäten werden auf Autobahnen und Stadtstraßen verteilt.

Einzelhandelsflächen verflüchtigen sich ins Internet. Lagerkapazitäten werden auf Autobahnen und Stadtstraßen verteilt.

 

Doch noch sind die Einkaufsstraßen voll von Menschen. Noch. Mangels Investitionen heute werden in fünf Jahren keine neuen Handelsflächen zur Verfügung stehen. Wozu auch, wenn allenthalben Angebotsvielfalt und Angebotsniveau sinken? Den Menschen wird die Lust an dieser Art Einkaufen vergehen, wenn das Internetshopping noch interaktiver und attraktiver wird. Die Flagshipstores der großen Marken, die das reale Erleben einer Markenwelt bieten, werden die neuen Magneten sein. Gekauft und bezahlt wird online. Die Flagshipstores werden dort sein, wo das Kalkül aus Werteklima und maximalen Zielgruppenfrequenzen aufgeht. Das kann ein Autobahnkreuz sein, eine hoch erschlossene Innenstadt oder eine Tourismusdestination. Die Konversion von Kaufhäusern und Shoppingcentern wird ein spannendes Thema werden. – Mit dem Funktionsverlust als Markt, mit der Virtualisierung der Büro- und Produktionswelten geht die soziale Entmischung und Ausdünnung der Stadtzentren einher: Wer es sich leisten kann, zieht zu Seinesgleichen auf frisch ausgewiesenes Bauland oder in ein Konversionsprojekt mit Doorman.

Stadt- und Standortmarketing müssen sich neuen Themen zuwenden, weil die einst in den Zentren verorteten bürgerlichen Qualitäten mangels Rentabilität verblassen. Produkte, mit denen man Namen von Städten verband, werden in lohngünstigeren Regionen der Welt gefertigt. Mit Glück verbleibt die Marketingabteilung am Stammsitz. Kultursommer und Weihnachtsmärkte wirken nicht mehr  identitätsstiftend, sondern werden als Disney-Urbanität wahrgenommen. Die Menschen spüren den Substanzverlust und suchen die urbane Substanz aus sozialer Adhäsion und kultureller Admiration in weltweiten Netzwerken, Vorstädten oder dort, wo spannende Alternativen und neue urbane Lebensformen, auch als Herausforderungen auf Zeit, geboten werden.

Es geht darum, das Armageddon der urbanen Implosion durch neue echte Werte und Qualitäten um noch einmal mindestens dreißig Jahre zu verschieben. Und das soll Thema dieses urbanPR TREND-Blogs sein: Mut, die Realitäten des Wandels anzuerkennen, die Kreativität in Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst und Architektur herauszufordern, um neue attraktive soziale und gebaute urbane Umwelten zu befördern.

 

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