Funktionen

Die Architekten, der Kalbsfond und die Wohnungswirtschaft.– Eine wichtige Raumfrage.

Mehrere Zehntausend Wohnungen werden in den nächsten Jahren allein in Berlin gebaut werden. Die Politik fordert erschwingliche Mietpreise dort, wo sie direkt, durch Grundstücke oder erweiterte Baurechte fördert. Wo kann man also den Wohnungsbau rationalisieren? Zur Zeit läuft die Meinungsbildung unter Architekten in die Richtung, doch einfach das Produkt „Wohnung” neu zu definieren: Funktionen zusammenlegen, Flächen sparen. Konkret steht die abgeschlossene Küche auf dem Spiel. Was haben wir zu verlieren?

Mitte Dezember gab es im Tagesspiegel eine Doppelseite zum Thema, wie sich die Vorstellungen der Deutschen und der großstädtischen Berliner vom Wohnen entwickeln. Die Frage ist wichtig für die Immobilienwirtschaft, Planer und Architekten, wenn sie nicht am Markt vorbei produzieren wollen. Es ging in dem Artikel nicht um die 700 Quadratmeter großen Dachgeschosswohnungen am Gendarmenmarkt, auch nicht um YOO und LUX und weitere die Edelprodukte ab 5.000 Euro pro Quadratmeter.
Siehe http://www.tagesspiegel.de/berlin/staedtebau-in-berlin-wie-die-menschen-in-zukunft-leben-wollen/9217506.html

Eine Bilderkollektion zum Artikel war mit „Eine Küche wie Wohnzimmer” betitelt und gab dann diesen „starcken” Einrichtungstipp:Starck-Wohnküche
Ist das nun Philippe Starcks interaktives Kochbuchregal oder gleich eine Wohnküche? Ist dort eine blubbernde Bolognese vorstellbar, während der Spaghettitopf daneben gerade überkocht? Zum Artikel hatte Anna Pataczek auch ein Interview mit Christine Edmaier geführt, der Präsidentin der Berliner Architektenkammer. Sie geht davon aus, dass man innerstädtisches Wohnen bezahlen kann, wenn man Räume weglässt: Zum Beispiel Flur und Küche. Das würde teure Fläche sparen, aber Qualitäten erhalten.

„Man möchte zunehmend keine abgeschlossenen Küchen mehr, also Wohnzimmer und Küche und Esszimmer sind ein großer Raum. Das wird auch schon seit ein paar Jahren so gemacht – nicht nur im hochpreisigen Segment.” Siehe http://www.tagesspiegel.de/zeitung/interview-mit-christine-edmaier-wozu-brauchen-wir-so-viel-platz/9217504.html

Eine schlimme Perspektive
Eine schlimme Perspektive: Nie wieder Entrecote in der Grillpfanne garen? Nie wieder Lammkoteletts mit Knoblauch in Olivenöl sautieren? Keinen Oktopus mehr kochen? Nie wieder über Nacht aus Gemüsen und Kalbsknochen einen Fond köcheln lassen? Das ist alles nicht mehr drin bei „offenen” Küchen.

Denn die starken Aromen von Rind, Lamm, Meeresfrüchten oder Ausdünstungen langwieriger Kochvorgänge – vom unnötigen Frittieren mal ganz abgesehen – diese Aromen penetrieren gut in Polster, Textilien und Wandputz, vermischen sich zu einem Parfum, das vor allem auf eins keine Lust macht: In diesen Räumen noch einmal genussvoll zu essen. Denn Voraussetzung für Genuss ist Differenzieren können, also eine Geruchs- und Geschmacks-Neutralität der unmittelbaren Umgebung.

Warum gibt es denn das Wort „Küche”, das einen Raum mit Funktion bezeichnet? Weil dort unter anderen klimatischen Bedingungen als einem behaglichen Wohnklima agiert werden muss! „Neben ihrer reinen Funktion als Ort der Zubereitung von Nahrung, ist die Küche im Laufe ihrer Entwicklungsgeschichte immer wieder ein bestimmendes Element der Entwicklung von Wohnformen und Abbild gesellschaftlicher Strukturen gewesen”, liest man bei Wikipedia. Ja sicher, ich erinnere mich an die 80er Jahre und die langen Nächte in der Gemeinschaftsküche der Ufa-Kommune in der Tempelhofer Viktoriastraße. Obwohl es viele Köche gab, auch Feinschmecker, die „draußen” nichts ausließen, war das Essen dort bestenfalls Ernährung. Wo soll auch die Konzentration für einen kulinarisch-schöpferischen Prozess herkommen, wenn um den auf Inspiration Hoffenden zwanzig andere hungrig herumwieseln?
Lindenhof
Auf dem Foto ist die vor einigen Jahren restaurierte Gartenstadt-Wohnung im Schöneberger Lindenhof abgebildet, deren Zentrum eine (durch Türen zu Bad, Flur und Wohnzimmer abgetrennte) Wohnküche ist. Die räumlichen und funktionalen Zusammenhänge, die Martin Wagner 1918 hier geplant hatte, waren in einer Wohnung über Jahrzehnte erhalten geblieben. Der heutige Genossenschaftsvorstand Norbert Reinelt hat eine Möblierung entworfen, die den alten Funktionen entspricht. Von der Küche aus gibt es einen direkten Zugang zum Selbstversorger-Garten. Dorthin wird man durch die Nasszelle geleitet, wo man Erde vom Gemüse abspülen kann.

1926, Martin Wagner hatte gerade die Hufeisensiedlung gebaut, wurde er Stadtbaurat von Groß-Berlin und war somit für die Großsiedlungen verantwortlich: „Stätten glücklicher Muße” sollten es werden. Zum UNESCO-Weltkulturerbe haben sie es zumindest gebracht; im selben Jahr wurde die „Frankfurter Küche” im Rahmen des Projekts „Neues Frankfurt” des Wagner-Kollegen Ernst May durch die Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky entworfen. Ziel war, die Handlungsabläufe in der Küche zu rationalisieren und das Arbeiten zu vereinfachen. Die Frankfurter Küche sollte wie ein industrieller Arbeitsplatz gestaltet sein: Alle wichtigen Dinge sollten mit einem Handgriff erreichbar sein und eine Vielzahl von Gerätschaften sollen Arbeitsgänge verkürzen. Um die Forderung der schnellen Erreichbarkeit zu erfüllen, ist sie sehr kompakt gehalten, was den Erfordernissen der ersten Entwürfe des Massenwohnungsbaus entgegenkam.Frankfurterkueche
Die engen Platzverhältnisse der kleinen Wohnungen des Geschosswohnungsbaus der 1920er Jahre ließen keine konventionellen, also frei stehenden Küchenmöbel zu, wie sie in Einzelhäusern üblich waren. Die Küchen waren für ganze Gebäude einheitliche Maßanfertigungen. Es sollte die gesamte Funktionalität einer „großen“ Küche auf minimalem Raum von sechs bis acht Quadratmetern konzentriert werden. Die einzelnen Arbeitszentren sind so angeordnet, dass unnötige Bewegungen und Handgriffe vermieden werden. Ab 1928 lieferte der Tischlereibetrieb von Friedemir Poggenpohl so genannte „Reformküchen” deutschlandweit aus, die halbwegs massiv, sich durch „Zehner-Schleiflack“-Oberflächen auszeichneten.

Die reformierte Frankfurter Wohnungsküche hatte ihre Auswirkungen auch auf die Küchen der Gastronomie, allerdings mit der Verzögerung durch den zweiten Weltkrieg und die Wirtschaftswunderzeit: Wurde noch in den 60er Jahren in großen Sälen gekocht, wo man von Station zu Station hin und her lief, machte sich in den 70ern die Idee der kurzen Wege, des Zugriffs in Reichweite zunächst in den Küchen von APO- und Stundentenkneipen breit. Heute sind die kurzen Wege Standard in den Sterneküchen. Von 15 bis 30 Quadratmetern lassen sich Restaurants mit 60 Plätzen á la Minute beschicken. Im Bild Sonja Frühsammer, Aufsteigerin des Jahres der FAZ-Kritiker, in ihrer relativ kleinen Küche am Flinsberger Platz in Wilmersdorf.Sonja_Frühsammer_kl

Vom Kochen in der Wohnmaschine…
Kaum ein Gourmet und auch keine Franzose, sondern ein Schweizer, Charles-Édouard Jeanneret-Gris, der sich Le Corbusier nannte, machte sich daran, die Küche zum Kochen abzuschaffen. In seinen Unités d’habitation in Marseille, Nantes, Berlin und Firminy legte er die Küchenfunktion in den Wohnungen nach innen an den Versorgungsschacht, der auch eine Belüftung enthielt. le-corbusier-haus
Ich habe einige Jahre in so einer Wohnung am Berliner Reichssportfeld gelebt. Der Ausblick war umwerfend. Dieser Kasten ist die Küche, noch mit Originalausstattung von 1958. Wenn man aktiv kocht, muss man die Milchglasscheibe vorschieben und die Tür schließen. Man hat dann zwei Quadratmeter Bewegungsfreiheit. Bei niedrigem Luftdruck funktioniert der Luft-Austausch über den Lüftungsschacht nur bedingt: Es gelingt, vielleicht ein Spiegelei zu braten. Danach ist Schluss. Schiebefenster und Tür öffnen? Wohn- und Schlafzimmer bedämpfen? Dann lieber Essen gehen, war oft das Fazit!

Und das soll auch 55 Jahre später der Weisheit letzter Schluss sein? Gut, es wurde die Dunstabzugshaube erfunden. Aber ich kenne keine, die auch nur ein mittelgroßes Entrecote auf der Eisenpfanne bewältigen könnte.

…bis zur Kultur des Teilens
„Die Immobilienbranche hat noch nicht erkannt, dass sich Wohnbedürfnisse grundlegend wandeln”, sagt Franziska Steinle von Mathias Horx’ Frankfurter „Zukunftsinstitut”. Das Beratungs- und Trendforschungsunternehmen formuliert in einem Bericht zu erwartende Veränderungen: Dezentrales Wohnen setze sich zunehmend durch. „Die Wohnung bleibt der Kern, neue, ausgelagerte Bereiche kommen hinzu.” Beispiele dafür lassen sich heute schon finden: Kreative und Selbstständige sparen sich ihr Arbeitszimmer zu Hause und mieten einen Schreibtisch in einem Co-Working-Büro. Überhaupt kann man sich dank einer sich entwickelnden Kultur des Teilens immer mehr sparen – nicht nur das eigene Auto, sondern vielleicht sogar eine geräumige Küche. „Uns hat überrascht, wie stark der Gedanke der Shareconomy, also die Idee des Teilens und Tauschen, auch das Wohnen betrifft. Wer Gäste bewirten möchte, kann sich heute hierfür eine Küche inklusive Leihkoch mieten”, umschreibt Franziska Steinle ihr Küchen-Bashing.

Anzeige aus Wallpaper*, Ausgabe Dezember 2013

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Jene können sich ja dann auch von Bulthaup ausstatten lassen. Das Unternehmen zeigt hier in Wallpaper Referenzen entsprechender „High End Immobilen”. Da beansprucht allein die „offene Küche” die Fläche von drei Zwei-Zimmer-Wohnungen. Und ob in solchen Millionenprojekten jemals ein Bewohner kochen wird, ist mehr als zweifelhaft. Fastfood und gut organisierte Belieferung durch so genannte „Versorger” zählen mit zu diesem Ernährungssystem, das von der Architektur bis zur Instant-Zwiebelsuppe reicht.

Esskultur, Demokratisierung des Luxus oder Sieg des Rationalisierungsdenkens?
Die Folgen der „Offenen”-Küche-Bewegung sind der Verlust von Esskultur, die doch gerade seit einem Vierteljahrhundert in Deutschland wieder Boden gewinnt.
Warum gibt es denn in den Städten die „urban gardening”-Bewegungen? Man wird selbst aktiv, man hat direkten Kontakt mit Erde und Natur. Man entscheidet selbst, wann man erntet, ob man feinere Qualität oder mehr Ertrag bevorzugt. Man hat soziale Kontakte, die sich vielleicht auch auf’s Kochen erstrecken. Vorausgesetzt man hat eine leistungsfähige, geschlossene und außen liegende Küche.

Ich habe – nicht repräsentativ – einige Architekten befragt, ob sie für sich selbst offene oder abgeschlossene Küchen bevorzugen? Die Abstimmung ging 50:50 aus. Wobei jene mit offener Küche bekannten, nun nicht mehr nach Lust und Laune kochen zu können. Eine wirklich leistungsfähige Abzugshaube für den Privatbereich gebe es leider nicht. Dafür würde man mehr im Garten grillen. Jene, die sich für die geschlossene Variante entschieden haben, führten weitere Vorteile auf: Man könne benutzte Töpfe und schmutziges Geschirr auch mal stehen lassen und sich trotzdem nebenan wohlfühlen. Man könne frittieren und grillen, müsse dafür eben nur das Fenster öffnen.

Ist alles zu spät? Verlässliche Daten zur Küchenfrage gibt es nicht. Hoffnung machen einige Angaben in der GdW-Studie „Wohntrends 2030”: Nicht einmal finanziell klamme Studenten fühlten sich in Kleinstwohnungen mit Kochnische wohl. Eine große Küche wünschten sich viele, eine offene eher wenige: Das sind vor allem diejenigen, die sich einen großen Wohnraum leisten können. So folgert der Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen für die Anforderungen an die Wohnungen der Zukunft: „Wohnungen bieten aber auch wichtige Rückzugsmöglichkeiten, wenn einem die Anforderungen und Möglichkeiten der Welt draußen über den Kopf wachsen. Klare Grundrisse sowie natürliche und schlichte Materialien ermöglichen eine Erholung der Sinne.” Hoffnungsvoll wenden sich die Blicke derjenigen, die noch selbst kochen zur Wohnungswirtschaft. Wird sie auf die so genannte Innovation aus „dem hochpreisigen Segment” verfallen, vielleicht noch verbrämt als „Demokratisierung des Luxus”, oder wird sie dem robusteren Modell der Wohnung mit abgeschlossener Küche weiter den Vorzug geben?

Wenn es ums Geld geht, was bei funktionalen Immobilien ganz besonders der Fall ist, spricht viel dafür, dass Rationalisierungsdenken die Oberhand gewinnen wird. Irgendwann ist man dann bei einer Kaffeemaschinen-Mikrowellenkombinations-Dampfgarerkiste mit Geschirrspüler und Kühlbox angekommen, die nur einen Quadratmeter benötigt. Praktisch. Preisgünstig. Und gar nicht gut!

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