Lindenhof

Die Architekten, der Kalbsfond und die Wohnungswirtschaft.– Eine wichtige Raumfrage.

Mehrere Zehntausend Wohnungen werden in den nächsten Jahren allein in Berlin gebaut werden. Die Politik fordert erschwingliche Mietpreise dort, wo sie direkt, durch Grundstücke oder erweiterte Baurechte fördert. Wo kann man also den Wohnungsbau rationalisieren? Zur Zeit läuft die Meinungsbildung unter Architekten in die Richtung, doch einfach das Produkt „Wohnung” neu zu definieren: Funktionen zusammenlegen, Flächen sparen. Konkret steht die abgeschlossene Küche auf dem Spiel. Was haben wir zu verlieren?

Mitte Dezember gab es im Tagesspiegel eine Doppelseite zum Thema, wie sich die Vorstellungen der Deutschen und der großstädtischen Berliner vom Wohnen entwickeln. Die Frage ist wichtig für die Immobilienwirtschaft, Planer und Architekten, wenn sie nicht am Markt vorbei produzieren wollen. Es ging in dem Artikel nicht um die 700 Quadratmeter großen Dachgeschosswohnungen am Gendarmenmarkt, auch nicht um YOO und LUX und weitere die Edelprodukte ab 5.000 Euro pro Quadratmeter.
Siehe http://www.tagesspiegel.de/berlin/staedtebau-in-berlin-wie-die-menschen-in-zukunft-leben-wollen/9217506.html

Eine Bilderkollektion zum Artikel war mit „Eine Küche wie Wohnzimmer” betitelt und gab dann diesen „starcken” Einrichtungstipp:Starck-Wohnküche
Ist das nun Philippe Starcks interaktives Kochbuchregal oder gleich eine Wohnküche? Ist dort eine blubbernde Bolognese vorstellbar, während der Spaghettitopf daneben gerade überkocht? Zum Artikel hatte Anna Pataczek auch ein Interview mit Christine Edmaier geführt, der Präsidentin der Berliner Architektenkammer. Sie geht davon aus, dass man innerstädtisches Wohnen bezahlen kann, wenn man Räume weglässt: Zum Beispiel Flur und Küche. Das würde teure Fläche sparen, aber Qualitäten erhalten.

„Man möchte zunehmend keine abgeschlossenen Küchen mehr, also Wohnzimmer und Küche und Esszimmer sind ein großer Raum. Das wird auch schon seit ein paar Jahren so gemacht – nicht nur im hochpreisigen Segment.” Siehe http://www.tagesspiegel.de/zeitung/interview-mit-christine-edmaier-wozu-brauchen-wir-so-viel-platz/9217504.html

Eine schlimme Perspektive
Eine schlimme Perspektive: Nie wieder Entrecote in der Grillpfanne garen? Nie wieder Lammkoteletts mit Knoblauch in Olivenöl sautieren? Keinen Oktopus mehr kochen? Nie wieder über Nacht aus Gemüsen und Kalbsknochen einen Fond köcheln lassen? Das ist alles nicht mehr drin bei „offenen” Küchen.

Denn die starken Aromen von Rind, Lamm, Meeresfrüchten oder Ausdünstungen langwieriger Kochvorgänge – vom unnötigen Frittieren mal ganz abgesehen – diese Aromen penetrieren gut in Polster, Textilien und Wandputz, vermischen sich zu einem Parfum, das vor allem auf eins keine Lust macht: In diesen Räumen noch einmal genussvoll zu essen. Denn Voraussetzung für Genuss ist Differenzieren können, also eine Geruchs- und Geschmacks-Neutralität der unmittelbaren Umgebung.

Warum gibt es denn das Wort „Küche”, das einen Raum mit Funktion bezeichnet? Weil dort unter anderen klimatischen Bedingungen als einem behaglichen Wohnklima agiert werden muss! „Neben ihrer reinen Funktion als Ort der Zubereitung von Nahrung, ist die Küche im Laufe ihrer Entwicklungsgeschichte immer wieder ein bestimmendes Element der Entwicklung von Wohnformen und Abbild gesellschaftlicher Strukturen gewesen”, liest man bei Wikipedia. Ja sicher, ich erinnere mich an die 80er Jahre und die langen Nächte in der Gemeinschaftsküche der Ufa-Kommune in der Tempelhofer Viktoriastraße. Obwohl es viele Köche gab, auch Feinschmecker, die „draußen” nichts ausließen, war das Essen dort bestenfalls Ernährung. Wo soll auch die Konzentration für einen kulinarisch-schöpferischen Prozess herkommen, wenn um den auf Inspiration Hoffenden zwanzig andere hungrig herumwieseln?
Lindenhof
Auf dem Foto ist die vor einigen Jahren restaurierte Gartenstadt-Wohnung im Schöneberger Lindenhof abgebildet, deren Zentrum eine (durch Türen zu Bad, Flur und Wohnzimmer abgetrennte) Wohnküche ist. Die räumlichen und funktionalen Zusammenhänge, die Martin Wagner 1918 hier geplant hatte, waren in einer Wohnung über Jahrzehnte erhalten geblieben. Der heutige Genossenschaftsvorstand Norbert Reinelt hat eine Möblierung entworfen, die den alten Funktionen entspricht. Von der Küche aus gibt es einen direkten Zugang zum Selbstversorger-Garten. Dorthin wird man durch die Nasszelle geleitet, wo man Erde vom Gemüse abspülen kann.

1926, Martin Wagner hatte gerade die Hufeisensiedlung gebaut, wurde er Stadtbaurat von Groß-Berlin und war somit für die Großsiedlungen verantwortlich: „Stätten glücklicher Muße” sollten es werden. Zum UNESCO-Weltkulturerbe haben sie es zumindest gebracht; im selben Jahr wurde die „Frankfurter Küche” im Rahmen des Projekts „Neues Frankfurt” des Wagner-Kollegen Ernst May durch die Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky entworfen. Ziel war, die Handlungsabläufe in der Küche zu rationalisieren und das Arbeiten zu vereinfachen. Die Frankfurter Küche sollte wie ein industrieller Arbeitsplatz gestaltet sein: Alle wichtigen Dinge sollten mit einem Handgriff erreichbar sein und eine Vielzahl von Gerätschaften sollen Arbeitsgänge verkürzen. Um die Forderung der schnellen Erreichbarkeit zu erfüllen, ist sie sehr kompakt gehalten, was den Erfordernissen der ersten Entwürfe des Massenwohnungsbaus entgegenkam.Frankfurterkueche
Die engen Platzverhältnisse der kleinen Wohnungen des Geschosswohnungsbaus der 1920er Jahre ließen keine konventionellen, also frei stehenden Küchenmöbel zu, wie sie in Einzelhäusern üblich waren. Die Küchen waren für ganze Gebäude einheitliche Maßanfertigungen. Es sollte die gesamte Funktionalität einer „großen“ Küche auf minimalem Raum von sechs bis acht Quadratmetern konzentriert werden. Die einzelnen Arbeitszentren sind so angeordnet, dass unnötige Bewegungen und Handgriffe vermieden werden. Ab 1928 lieferte der Tischlereibetrieb von Friedemir Poggenpohl so genannte „Reformküchen” deutschlandweit aus, die halbwegs massiv, sich durch „Zehner-Schleiflack“-Oberflächen auszeichneten.

Die reformierte Frankfurter Wohnungsküche hatte ihre Auswirkungen auch auf die Küchen der Gastronomie, allerdings mit der Verzögerung durch den zweiten Weltkrieg und die Wirtschaftswunderzeit: Wurde noch in den 60er Jahren in großen Sälen gekocht, wo man von Station zu Station hin und her lief, machte sich in den 70ern die Idee der kurzen Wege, des Zugriffs in Reichweite zunächst in den Küchen von APO- und Stundentenkneipen breit. Heute sind die kurzen Wege Standard in den Sterneküchen. Von 15 bis 30 Quadratmetern lassen sich Restaurants mit 60 Plätzen á la Minute beschicken. Im Bild Sonja Frühsammer, Aufsteigerin des Jahres der FAZ-Kritiker, in ihrer relativ kleinen Küche am Flinsberger Platz in Wilmersdorf.Sonja_Frühsammer_kl

Vom Kochen in der Wohnmaschine…
Kaum ein Gourmet und auch keine Franzose, sondern ein Schweizer, Charles-Édouard Jeanneret-Gris, der sich Le Corbusier nannte, machte sich daran, die Küche zum Kochen abzuschaffen. In seinen Unités d’habitation in Marseille, Nantes, Berlin und Firminy legte er die Küchenfunktion in den Wohnungen nach innen an den Versorgungsschacht, der auch eine Belüftung enthielt. le-corbusier-haus
Ich habe einige Jahre in so einer Wohnung am Berliner Reichssportfeld gelebt. Der Ausblick war umwerfend. Dieser Kasten ist die Küche, noch mit Originalausstattung von 1958. Wenn man aktiv kocht, muss man die Milchglasscheibe vorschieben und die Tür schließen. Man hat dann zwei Quadratmeter Bewegungsfreiheit. Bei niedrigem Luftdruck funktioniert der Luft-Austausch über den Lüftungsschacht nur bedingt: Es gelingt, vielleicht ein Spiegelei zu braten. Danach ist Schluss. Schiebefenster und Tür öffnen? Wohn- und Schlafzimmer bedämpfen? Dann lieber Essen gehen, war oft das Fazit!

Und das soll auch 55 Jahre später der Weisheit letzter Schluss sein? Gut, es wurde die Dunstabzugshaube erfunden. Aber ich kenne keine, die auch nur ein mittelgroßes Entrecote auf der Eisenpfanne bewältigen könnte.

…bis zur Kultur des Teilens
„Die Immobilienbranche hat noch nicht erkannt, dass sich Wohnbedürfnisse grundlegend wandeln”, sagt Franziska Steinle von Mathias Horx’ Frankfurter „Zukunftsinstitut”. Das Beratungs- und Trendforschungsunternehmen formuliert in einem Bericht zu erwartende Veränderungen: Dezentrales Wohnen setze sich zunehmend durch. „Die Wohnung bleibt der Kern, neue, ausgelagerte Bereiche kommen hinzu.” Beispiele dafür lassen sich heute schon finden: Kreative und Selbstständige sparen sich ihr Arbeitszimmer zu Hause und mieten einen Schreibtisch in einem Co-Working-Büro. Überhaupt kann man sich dank einer sich entwickelnden Kultur des Teilens immer mehr sparen – nicht nur das eigene Auto, sondern vielleicht sogar eine geräumige Küche. „Uns hat überrascht, wie stark der Gedanke der Shareconomy, also die Idee des Teilens und Tauschen, auch das Wohnen betrifft. Wer Gäste bewirten möchte, kann sich heute hierfür eine Küche inklusive Leihkoch mieten”, umschreibt Franziska Steinle ihr Küchen-Bashing.

Anzeige aus Wallpaper*, Ausgabe Dezember 2013

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Jene können sich ja dann auch von Bulthaup ausstatten lassen. Das Unternehmen zeigt hier in Wallpaper Referenzen entsprechender „High End Immobilen”. Da beansprucht allein die „offene Küche” die Fläche von drei Zwei-Zimmer-Wohnungen. Und ob in solchen Millionenprojekten jemals ein Bewohner kochen wird, ist mehr als zweifelhaft. Fastfood und gut organisierte Belieferung durch so genannte „Versorger” zählen mit zu diesem Ernährungssystem, das von der Architektur bis zur Instant-Zwiebelsuppe reicht.

Esskultur, Demokratisierung des Luxus oder Sieg des Rationalisierungsdenkens?
Die Folgen der „Offenen”-Küche-Bewegung sind der Verlust von Esskultur, die doch gerade seit einem Vierteljahrhundert in Deutschland wieder Boden gewinnt.
Warum gibt es denn in den Städten die „urban gardening”-Bewegungen? Man wird selbst aktiv, man hat direkten Kontakt mit Erde und Natur. Man entscheidet selbst, wann man erntet, ob man feinere Qualität oder mehr Ertrag bevorzugt. Man hat soziale Kontakte, die sich vielleicht auch auf’s Kochen erstrecken. Vorausgesetzt man hat eine leistungsfähige, geschlossene und außen liegende Küche.

Ich habe – nicht repräsentativ – einige Architekten befragt, ob sie für sich selbst offene oder abgeschlossene Küchen bevorzugen? Die Abstimmung ging 50:50 aus. Wobei jene mit offener Küche bekannten, nun nicht mehr nach Lust und Laune kochen zu können. Eine wirklich leistungsfähige Abzugshaube für den Privatbereich gebe es leider nicht. Dafür würde man mehr im Garten grillen. Jene, die sich für die geschlossene Variante entschieden haben, führten weitere Vorteile auf: Man könne benutzte Töpfe und schmutziges Geschirr auch mal stehen lassen und sich trotzdem nebenan wohlfühlen. Man könne frittieren und grillen, müsse dafür eben nur das Fenster öffnen.

Ist alles zu spät? Verlässliche Daten zur Küchenfrage gibt es nicht. Hoffnung machen einige Angaben in der GdW-Studie „Wohntrends 2030”: Nicht einmal finanziell klamme Studenten fühlten sich in Kleinstwohnungen mit Kochnische wohl. Eine große Küche wünschten sich viele, eine offene eher wenige: Das sind vor allem diejenigen, die sich einen großen Wohnraum leisten können. So folgert der Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen für die Anforderungen an die Wohnungen der Zukunft: „Wohnungen bieten aber auch wichtige Rückzugsmöglichkeiten, wenn einem die Anforderungen und Möglichkeiten der Welt draußen über den Kopf wachsen. Klare Grundrisse sowie natürliche und schlichte Materialien ermöglichen eine Erholung der Sinne.” Hoffnungsvoll wenden sich die Blicke derjenigen, die noch selbst kochen zur Wohnungswirtschaft. Wird sie auf die so genannte Innovation aus „dem hochpreisigen Segment” verfallen, vielleicht noch verbrämt als „Demokratisierung des Luxus”, oder wird sie dem robusteren Modell der Wohnung mit abgeschlossener Küche weiter den Vorzug geben?

Wenn es ums Geld geht, was bei funktionalen Immobilien ganz besonders der Fall ist, spricht viel dafür, dass Rationalisierungsdenken die Oberhand gewinnen wird. Irgendwann ist man dann bei einer Kaffeemaschinen-Mikrowellenkombinations-Dampfgarerkiste mit Geschirrspüler und Kühlbox angekommen, die nur einen Quadratmeter benötigt. Praktisch. Preisgünstig. Und gar nicht gut!

Wer führt die Städte aus der Sackgasse?

Die großen Städte in Deutschland stecken tief in der Zukunftskrise – und sie merken es teilweise noch nicht einmal. Oder sie hoffen, die Krise mit Mitteln bekämpfen zu können, die sich seit 60 Jahren eigentlich nicht wirklich bewährt haben, sondern im Gegenteil, die Krise durch Funktionsverluste und Segregation erst herbeiführten. Zu diskutieren ist jetzt ein Neuansatz in der Stadtentwicklungs- und Wohnungspolitik, der sowohl Altbewährtes und Vergessenes als auch Innovatives einschließt.

Berliner Liste – Mieter*innen stressen zurück” ist ein Blog betitelt, auf dem seit April 2013 Adressen von Eigentümern, Investoren, Projektentwicklern, Hausverwaltungen, Wohnungsbaugesellschaften, Justiz und Polizei, Politik sowie Unterstützer, Lobbyisten und Think Tanks aufgeführt sind, die „ungestört zusammenarbeiten” um ihr „verhältnismäßig sicheres Geschäft” zu betreiben. „Die Eigentümer werden immer reicher, da sie mehr Miete verlangen, und den Menschen mit geringen Einkommen bleibt noch weniger als ohnehin schon. Das Recht auf Eigentum ist in der kapitalistischen Stadt wichtiger als das Recht auf Wohnen”, schreiben die Aktivisten ohne Impressum. Immer häufiger zerbrechen Fensterscheiben, klatschen Farbbeutel an Fassaden oder brennt es bei den aufgeführten Adressen. Der Staatsschutz ermittelt.

„Die Innenstädte werden von Gutverdienern erobert”, kommentiert die Grünen-Spitzenkandidatin Katrin-Göring-Eckardt im Tagesspiegel Ende Juli 2013. Sie rät zu „Leitplanken, um die soziale Mischung zu erhalten”: Mietsteigerungen sollen „flächendeckend” auf 15 Prozent innerhalb von vier Jahren beschränkt werden. Die Wohnraumförderung solle, wo es sie noch gibt, zweckgebunden für bezahlbaren Wohnraum ausgegeben werden, und das Wohngeld müsse der Verdrängung von Menschen mit geringeren Einkommen entgegenwirken. Bei CDU, SPD und Linke gibt es ähnliche Forderungen. Die FDP lehnt Mietpreisdeckelungen ab. Dafür seien „Klimaschutz und Energieeinsparung zentrale Handlungsfelder. Wir wollen Wohnen energieeffizienter machen und den CO2-Ausstoß wirksam und dauerhaft senken.” Das unterschreiben auch alle anderen Parteien. Allerdings werden diese Konzepte die „stressenden Mieter*innen” wohl nicht versöhnen…

Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden in den 1920er-Jahren in vielen deutschen Städten neue Siedlungen, die insbesondere Bevölkerungsgruppen mit kleinem Einkommen ein gesundes Wohnumfeld bieten sollten. Einige berühmte Beispiele finden sich in Berlin, etwa der Lindenhof in Schöneberg, die Hufeisensiedlung im Stadtteil Britz oder die Wohnstadt Carl Legien in Prenzlauer Berg. Letztere sind heute Teil des UNESCO-Weltkulturerbes „Siedlungen der Berliner Moderne”. Beim Projekt Neues Frankfurt unter der Leitung von Ernst May wurde der soziale Wohnungsbau mit einer Erneuerung der Wohnkultur verknüpft.

Aus einer Tradition der Wohnungsreform und des öffentlichen Wohnungsbaus der Weimarer Republik entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg zwei Entwicklungsstränge: Ein staatlicher Massenwohnungsbau in der DDR, der über drei Qualitätsperioden vom Bauen in der Nationalen Tradition (1950er Jahre) über eine Phase der internationalen Moderne (1960er Jahre) zum massenhaften Plattenbau in Neubaugebieten und den Innenstädten führte, und der soziale Wohnungsbau der Bundesrepublik, der von Anfang an durch ein Nebeneinander von Miet- und Genossenschaftswohnungen und der Förderung des Wohnungseigentums für die laut Gesetz beschriebenen Gruppen gekennzeichnet war. Für den Mietwohnungsbau, der anfangs als Lückenschließung von Kriegsbrachen, später aus Neubau auf der Grünen Wiese und seit den 1970er Jahren auch als Ersatzneubau in Stadterneuerungsgebieten durchgeführt wurde, waren anfangs städtische Gesellschaften die wichtigsten Akteure; sie übernahmen eine wichtige stadt- und sozialpolitische Rolle. Seit den 1980er Jahren wurden die Länderprogramme zunehmend für private Investoren geöffnet.

Margret und Alexander Mitscherlich beklagten bereits 1965 „Die Unwirtlichkeit unserer Städte” in der Bundesrepublik. Während Städte früher integrierte Lebens- und Arbeitsräume geboten hätten, wären sie inzwischen „funktionell entmischt”: Nicht erst seit dem Bau von Trabantenstädten seien Wohnen und Arbeiten auf verschiedene Stadtteile aufgeteilt. Wer es sich leisten könne, kaufe ein Stück Natur und ziehe aufs Land. In der Vorortvilla sahen Mitscherlichs die “Demonstration der monetären Potenz” einer einzelnen Familie. -
Heute zeugen Town- oder Penthouses mit PKW-Aufzug von der wirtschaftlichen Überlegenheit ihrer Bewohner.

Nur hatte die funktionale Entmischung doch eigentlich gar nichts mit den Wohnverhältnissen zu tun. Sie ist quasi als Kollateralschaden des massenhaften Wohnungsbaus „passiert”. Die Mitscherlichs hatten die europäische Stadt der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Referenz vor Augen: Boulevards gesäumt von fünf- bis sechsgeschossigen Häusern, in denen auf Straßenniveau Läden sind, Kanzleien und Praxen im ersten Geschoss, hinter der Tordurchfahrt im Hof Handwerker und Händler, darüber die Seitenflügel der großen Wohnungen aus dem Vorderhaus und schließlich in Hinterhöfen kleinere bis kleinste Wohnungen. Ganz hinten gab es vielleicht auch noch einen Kuhstall, einen so genannten Abmelkbetrieb. In Berlin haben die letzten dieser urbanen Agrarbetriebe erst Ende der 70er Jahre des 20. Jh. geschlossen.

Im Grunde wurden in der Stadtentwicklung angesichts tatsächlich unzumutbarer Zustände und einer Sprachlosigkeit zwischen den sozialen Milieus, in gut demokratischer Manier, die Interessen geordnet und gebündelt. Und zwar in einer Weise, dass wirklich jede Interessengruppe gefördert wurde. Aber die unzumutbaren Zustände wurden nicht verbessert, es wurden keine Kompromisse ausgehandelt. Es wurden gegenseitige Störungen durch Emissionen oder Betriebsabläufe einfach eliminiert: Einzelhandel kam zu Einzelhandel, Kanzlei zu Kanzlei, Handwerk zu Handwerk. Und wenn Lebensmittelproduktion möglichst weit weg von arbeitenden und wohnenden Menschen geschieht, dann erhält sie heute ein BIO-Zertifikat. Zurück blieben Menschen in reinen „Wohnvierteln” der klein-, mittel- oder großbürgerlichen Art

Für das Fördern der Gruppeninteressen ist der Begriff der „Solidarität” von essentieller Bedeutung. Der Soziologe Richard Sennett beschreibt in seinem jüngsten Buch „Zusammenarbeit – Was unsere Gesellschaft zusammenhält” die zentrifugalen Kräfte der dialektischen Erklärungsmuster, mit denen man Gruppen formen und gegeneinander aufstellen kann. In der Stadtentwicklung nennt sich das „Segregation”. Mit dialogischen Mustern dagegen erreiche man Ziele, wie jene der „Kooperation”, die im überschaubaren gesellschaftlichen Rahmen ertragreichere und nachhaltigere Ergebnisse mit sich bringen können. Da wären wir wieder bei der verdichteten, integrierten Stadt, in der die Zustände durch Dialog verbessert werden könnten.

Das allgemein geäusserte Unwohlsein am Status quo der Stadtentwicklung in Mitteleuropa heute basiert auf der Erkenntnis, dass die räumlichen Trennungen von urbanen Funktionen und sozialen Gruppen mit enormen Kosten hinsichtlich Land- und Ressourcenverbrauch, Verkehrs- und CO2-Belastungen einhergehen. Unsere Städte könnten Wachstums- und Innovationsmotoren sein, wenn sie nur im kooperativen Sinne funktionieren würden. Doch jegliche Reparaturversuche mittels Wohnraumförderung oder Wohnungs-Regulierungen gehen wieder nur in Richtung der Befriedigung von Klientelen mit der Folge weiterer Segregation.

Gibt es also ein Modell, das „zukunftsfest” ist? In Jonas Geist und Klaus Kürvers dreibändigen Standardwerk über „Das Berliner Mietshaus” werden die gegen Ende des 19. Jh. gängigen Rentenmodelle aus verdichteten und gemischten Wohnen und Arbeiten als ein durchaus erträgliches und nachhaltiges Unternehmenskonzept beschrieben.

Wenn sich langfristig Renditen zwischen drei und vier Prozent erwirtschaften ließen, müssten solche Modelle für Anlagemöglichkeiten suchendes Kapital etwa der Lebensversicherer interessant sein. Was fehlt sind einerseits private und kommunale Wohnungsunternehmen sowie Genossenschaften, die sich auf gemischte Projekte einlassen und eine Bauleitplanung der Städte andererseits, welche die gemischten Formen fordert. Gefordert, aber auch weiterhin gefördert werden müssten alle Maßnahmen, die zur langfristigen Senkung der vom Wohnen ausgehenden Kohlendioxid-Belastungen sowie zur Senkung der Energiekosten der Bewohner beitragen. Dienstleister wie die Berliner Energieagentur beweisen, wie sinnvoll Aussenflächen von Gebäuden für Photovoltaik genutzt und in Verbindung mit kleinen Blockheizkraftwerken gewinnbringend zum Energiehaushalt der Kommunen beitragen können.

In Düsseldorf gibt es seit Kurzem ein Konzept, nach dem künftig alle Neubauprojekte, die auf einem Bebauungsplan basieren, 20 Prozent sozial geförderte Wohnungen enthalten. Außerdem soll den Bauherren für weitere 20 Prozent der Wohnungen eine preisgedämpfte Kaltmiete von maximal 8,50 Euro pro Quadratmeter verordnet werden. Der Preis soll für zehn Jahre, indexiert mit der Inflationsrate, festgeschrieben werden.

Vorstellbar wäre es, weitere 20 Prozent der Flächen für Gewerbe- und Dienstleistungsnutzungen festzuschreiben. Blieben immerhin noch 40 Prozent für luxuriöseres Wohnen. Das Gewerbe könnte sich natürlich auch auf das Wohnen ausrichten: Servicedienste, Pflegedienstleister, Kindertagesstätten, Gastronomie. Bewirtschaftete Appartements für die kurzzeitige Vermietung sind denkbar, mit einem Concierge, der auch für das gehobene Wohnen als Kümmerer zuständig ist. – Vorstellbar wäre, die Installation von Energie erzeugenden Anlagen festzuschreiben und damit gleichzeitig auch die Installation von Ladesäulen für das E-Car-Sharing. So werden wieder einige Stellplätze überflüssig, Flächen, die in die Grünbilanz eingerechnet werden könnten, wenn auf ihnen professionelles urban farming betrieben wird.

Das ist kein zukunftsfernes Ökotopia, alle diese Beispiele sind in Europa an verschiedenen Orten bereits wirtschaftlich tragfähige Realitäten. Was die Entwicklung bremst, sind Wohnungswirtschaft und Wohnungspolitik, für die Verwaltung und Erhaltung im Vordergrund stehen. Für Kooperation mit innovativen Dienstleistern fehlt das Personal. Der Politik fehlt der Mut, den Menschen auch erklären zu müssen, dass sie in den vergangenen 60 Jahren die Städte in eine Sackgasse manövriert hat.

 

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