Manufaktur

Thesen: Wohnen und Arbeiten – Ein städtisches Verhältnis

vlnr: GWG-Chef Klaus Hoffmann, Prof. Dr. Kilian Bizer, Prof. Gunter Henn, Rainer Milzkott mit Phaeton, dem Desiderat vieler Chinesen.

vlnr: GWG-Chef Klaus Hoffmann, Prof. Dr. Kilian Bizer, Prof. Gunter Henn, Rainer Milzkott mit dem Manufaktur-Produkt Phaeton, einem Desiderat vieler Chinesen.

 

 

Anlässlich der Göttinger Unternehmer-Gespräche der Gesellschaft für Wirtschaftsförderung und Stadtentwicklung Göttingen mbH (GWG) im vergangenen Jahr, hatte urbanPR folgende Thesen formuliert. Es diskutierten u.a. der Architekt Gunter Henn und der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Kilian Bizer. Die GWG fragte nach Konzepten, wie Wohnen und Arbeiten in Zukunft wieder zusammen geplant und organisiert werden können.

1.            Arbeit und Wohnen war das stadtbildende Funktionsverhältnis in Europa seit dem Mittelalter. Es bestimmt bis heute unsere Vorstellung von guter Stadt.

2.            Mit der Ablösung des Handwerks und der Zünfte durch mechanisierte Manufakturen vor 250 Jahren und industrielle Produktionsverfahren vor 150 Jahren zerbrachen die sozialen Hierarchien und zunftgeprägte Quartiere standen zur Disposition für neue, Kapital akkumulierende Bürgerschichten.

3.            Auf die soziale Trennung folgt die Trennung der durch zunehmende Umweltbelastungen unvereinbar gewordenen Funktionen von Wohnen und Arbeiten. Zwar wird, z.B. in der Charta von Athen, geringste Entfernung zwischen Arbeitsplatz und Wohnung gefordert, doch angesichts aufwändiger Infrastrukturen für Verkehr, Energie und Sozialwesen, entstanden unwirtliche vertikale Trabantenstädte für die aus den Innenstädten Verdrängten an den von den Arbeitsplätzen entfernten Peripherien. Als Alternative wird die weitere Zersiedlung der Landschaft praktiziert.

4.            Während der Aufwand für die Überwindung der Distanz zum Arbeitsplatz ein neues wirtschaftliches und ökologisches Problem darstellt, verliert die industrielle Warenproduktion an Bedeutung für den Arbeitsmarkt. Neue Wertschöpfung wird über Produkt-, Dienstleistungs- und Geschäftsmodellinnovationen erreicht. Arbeitsleistung dafür ist nicht mehr an einen Ort gebunden, seitdem sie mittels digitaler Netzwerke ubiquitär verfügbar ist.

5.            Während ehemalige Industrie- und Infrastrukturstandorte geöffnet und von Funktionen wie Bildung, Erholung und Wohnen durchdrungen werden, verlieren Innenstädte weiter an tatsächlichen Funktionen zu Gunsten von Image-Faktoren. Der stationäre Einzelhandel wird weitgehend durch die Logistikfunktionen Lagerhaltung und Auslieferung ersetzt. Die städtischen Funktionen von Wohnen, Arbeiten und Erholen verfestigen sich in den suburbanen Zwischenstädten.

Für den Wirtschaftswissenschaftler Kilian Bizer von der Georg-August-Universität heißt das Ziel, neue Unternehmen anzuziehen, die ihrerseits auf der Suche nach Standorten sind, an denen qualifizierte Arbeitnehmer zu finden sind. Weiteres entscheidendes Kriterium ist die Schaffung einer Umgebung, die auch zum Wohnen für Einpendler attraktiv ist. “Die nachhaltige Stadt” ist für Professor Bizer der Maßstab für den Erfolg bei der Gewerbeansiedlung.
Wie gut das seit zehn Jahren bereits in Dresden funktioniert, demonstrierte der Architekt Gunter Henn am Beispiel seiner “Gläsernen Manufaktur”, in welcher der Phaeton gebaut wird, in Produktionshallen, die mit einem Parkett aus Bergahorn ausgelegt sind. Die edle Umgebung fordere in dem praktisch emissionsfreien Betrieb die Mitarbeiter zur Sauberkeit und Präzision auf. Das ist auch notwendig, da man aus den hundert Meter entfernten Wohnblocks bei der Produktion zusehen kann.
Auch sonst lädt man jedermann in die einen Kilometer von der Frauenkirche entfernte Fabrik ein, die nicht in einem Gewerbepark, sondern an der Ecke eines Stadtparks gelegen ist. Im Grundbuch wurde eine Hybrid-Nutzung als Kulturstätte festgeschrieben Auch Dresdens bestes Restaurant befindet sich heute dort. Die mehrheitlich chinesischen Käufer der Phaetons staunen nicht schlecht über diese Art der Produktion und die Belieferung der Manufaktur, die mit einer speziellen Bahn geschieht, welche die öffentliche Straßenbahngleise nutzt. “Für die Stadt bringt die Manufaktur Sinngebung und Identität zurück,” betonte Henn.
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