München

Berliner Stadtentwicklung: Neustart mit Kommunikationskonzepten

Mit einer Fachtagung suchte die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung „Leitlinien für die Planung neuer und ergänzender Stadtquartiere – grün und urban”

Um es vorweg zu sagen: Vor über 20 Jahren war Baupolitik in Berlin schon einmal weiter: Da diskutierte man Entwicklungsmodelle auf internationaler Ebene und zwar mit jenen Leuten, die aktuell interessante Projekte realisierten. Dazu zählten auch Developer und Banker, vor denen es keine Berührungsängste gab und natürlich Stadtplaner. Die berichteten von Baugruppen und kleinen Genossenschaften, die in von Entwicklungsgesellschaften gesetzten Rahmen sich an Stadterneuerung, Stadterweiterungen und gänzlich neuen Gartenstädten beteiligten mit dem Ziel, sich eine Wohnung, eine Nachbarschaft, eine eigene Welt zu erschaffen. Was könnte daran falsch sein? In Berlin hatten diese Diskussionen, sogar in Zeiten flauer Nachfrage, zu kleinen, bemerkenswerten Nachbarschaften geführt, zum Beispiel in der Rummelsburger Bucht.

Vor zehn Jahren war eine Förderung des Wohnungsbaus dann kein Thema mehr. Berlins Verwaltung wurde vom Finanzsenator geschrumpft und war sich selbst genug. So pfiffen Baugruppen und junge Genossenschaften auf den Staat und ließen ihre Projekte im Privaten erfolgreich sprießen. Tragisch dabei : Das Wissen um kooperative Entwicklungsmodelle, das sich vor allem in Berlin seit den frühen 80erJahren gebildet hatte, ging währenddessen in der Verwaltung verloren.

Es scheint, als hätten erst jetzt zwölf Millionen Touristen unterm Brandenburger Tor pro Jahr und jede Nacht Hunderte syrischer Flüchtlinge vor dem LAGeSo dem roten Rathaus klargemacht: Die Stadt ist gefragt wie selten zuvor. Der Zuzug reißt nicht ab. Es gibt keine freien Wohnungen. Die sozial Schwachen werden aus der Stadt gedrängt. Alarm!

Am 7. und 8. Dezember sollte im Forum Adlershof – guter Ort: ein Stadtteil, der Wissen schafft – das Gegenmittel gefunden werden. Es wurden gezielt 120 Teilnehmer zur Tagung eingeladen, eine Hälfte aus der Berliner Verwaltung, die andere Hälfte aus Institutionen und Unternehmen, mit denen die Verwaltung bereits zusammengearbeitet hat. Man kennt sich. Ein einziger „echter” Marktwirtschaftler, Henrik Thomsen von der Groth-Gruppe, spricht am ersten Tag über „Wohnungsbau in Berlin”. Was nicht ganz stimmt, denn das „Kirchsteigfeld”, über das er berichtet, liegt in Potsdam. Fertiggestellt wurde es vor siebzehn Jahren. – Uli Hellweg, ehemals Chef der Wasserstadt GmbH und dann Hamburgs IBA-Chef berichtet über Spandau und dann die Rummelsburger Bucht, die auch auf Grund ihrer kleinteiligeren Eigentumsstruktur sich letztendlich auf der stadtwirtschaftlichen Habenseite bilanzieren lässt.

Es sollte mit der Tagung die „Gartenstadt des 21. Jahrhunderts” definiert werden, von der möglichst bald mehrere außerhalb des S-Bahnrings, aber noch innerhalb der Landesgrenze wachsen sollen. Doch Landeskonservator Prof. Jörg Haspel präsentiert nicht, wie angekündigt, „die Gartenstadt nach E. Howard”, sondern Berlins Siedlungen der späten 20er Jahre und Wohnungsbauprojekte der Nachkriegs- und Neuzeit. Sollen die monofunktionalen Großsiedlungen mit ihrem “Abstandsgrün” tatsächlich das Vorbild für die Zukunft sein? Hätte Haspel aber den Gartenstadt-Theoretiker Ebenezer Howard präsentiert, hätten die Begriffe „Smokeless” und „Slumless” im Mittelpunkt gestanden: Eine industriekritische, dem handwerklich kleinteiligen Unikat zugewandte, frühe grüne Bewegung und ein sozialreformerischer Ansatz, die zusammen weit über das Städtebauliche hinausgehen und in einer Neuinterpretation sicher auch heute sozial orientierte Urbaniten ansprechen könnten.

Für jene gilt Freiburg als Modellstadt mit vielen guten Beispielen. Gut dreißig Jahre dauert dort mittlerweile die Entwicklung von Freiburg-Rieselfeld, einem Stadtteil für nunmehr 10.000 Einwohner, über den der frühere Planungsgruppenleiter Klaus Siegl berichtet. Konzept sind gemischte Eigentumsformen. Zehn Jahre Entwicklungszeit für einen Block sind normal. Das funktioniere nur, wenn die Politik auf einen einmal eingeschlagenen Weg keinen Einfluss mehr nehme.

Steffen Kercher vom Münchener Stadtplanungsreferat präsentiert das 20.000-Einwohner Entwicklungsgebiet Freiham. Die S-Bahn fährt bereits die zwölf Kilometer vom Stadtzentrum Richtung Westen dorthin. Es gibt schon einen Aussichtsturm und einen verabschiedeten B-Plan für erste 4.000 Wohnungen.

Aspern – Wiens neuste “Seestadt” führt Jakob Kastner von der „3420 Aspern Development AG” vor: Das ehemalige Flugfeld wirbt um Pioniere mit einem neuen See und einer U-Bahnhaltestelle. Die ersten Wohnungen sind bezogen, bis Ende nächsten Jahres sollen es 2.600 sein. Man plant bis 2028. Ein See als zentraler Identifikationspunkt erscheint ungewöhnlich für eine verdichtete Stadtentwicklung, bei der in der Regel das Zentrum ausstrahlen soll. Wobei hier der See mit Park als Attraktion fertiggestellt war, als die ersten Wohnungen bezogen wurden.

Drei Beispiele, die vor allem in den folgenden Diskussionen eins beleuchten: Berlin scheint so etwas nicht zu schaffen! In einer der Arbeitsgruppen am zweiten Tag fragt eine Teilnehmerin entgeistert, warum Freiburgs erfolgreiche Methoden der kleinteiligen Entwicklung nach dreißig Jahren noch nicht in Berlins Verwaltung angekommen seien? Der Vertreter einer großen städtischen Wohnungsbaugesellschaft am langen Konferenztisch wird unruhig: Hier wird in aller Unschuld die Existenzfrage gestellt, weil man doch gerade dabei ist, wieder Kapazitäten zu schaffen, die gerade große Fertigstellungszahlen garantieren sollen.

Und so werden mehrfach Mißverhältnisse zwischem stadtplanerischem Anspruch und Verwaltungswirklichkeit aufgedeckt: Neue Stadtbausteine in der Peripherie sollten sich an den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft orientieren, heißt es in einem Statement von Uli Hellweg, der eine der Arbeitsgruppen leitet: Urban Gardening, nachhaltige Energiewirtschaft und umweltfreundliche Mobilität werden weiter gefordert. Doch die Vertreter von Verwaltungen und städtischen Wohnungsbaugesellschaften meinen, sie könnten mit Gründächern keinen kostengünstigen Wohnraum schaffen. Das sei aber auch international „state of the art” wird eingewandt, man könne heute doch nicht wie in den 90er Jahren bauen. „Wie in den 80er Jahren!”, ergänzt empört eine Verwaltungsmitarbeiterin aus dem Umweltressort.

In zwei der drei Arbeitsgruppen wird diskutiert, ob man bei den Stadtergänzungen überhaupt von „Gartenstadt” reden dürfe, wenn es denn keine individuellen Gärten gäbe, was die Menschen bei der Nennung der Typologie aber erwarten würden. Man könne „Gartenstadt als Arbeitstitel” nutzen, meint Prof. Peter Slonicky, der mit Rainer Nagel die Gruppe zur städtebaulichen Qualität leitete, „wenn der Freiraum als konstituierendes Element garantiert” sei.

Die Kommunikation über die Entwicklungsprojekte wird in allen Gruppen als entscheidend für den Erfolg diskutiert. „Schon der erste Aufschlag zählt”, sagt Prof. Christa Reicher, die mit Uli Hellweg in einer Arbeitsgruppe „Lehren aus der Vergangenheit für Nachbarschaften und soziale Infrastruktur” zog. Immer wieder zitieren Verwaltungsmitarbeiter beim Stichwort Kommunikation ein „Quartiersmanagement” als hilfreich, wenn man den Menschen vor Ort begegne. Doch schon die Erwähnung jenes Managements lasse bei Standort-Interessierten Alarmglocken klingeln, meint ein anderer Teilnehmer: „Werden da Drogen gehandelt?” Es gibt weichere Formen des Sich-Kümmerns, ein „Quartiers-Bürgermeister” wird genannt. Die gute alte „Gemeinwesenarbeit” könnte eine Renaissance erleben.

Doch Kommunikation darf nicht erst einsetzen, wenn Probleme erkannt werden. Bundestiftung-Baukultur-Chef Rainer Nagel fordert vor dem Start neuer Quartiere eine Projektumfeldanalyse, ein integriertes Stadtentwicklungskonzept, eine Machbarkeitsstudie und ein Kommunikationskonzept. Vor allem das K-Konzept sei entscheidend, meint auch Prof. Harald Bodenschatz, als „Mehrwert-Check für jene, die schon am Standort da sind.” Auch Uli Hellweg erläutert, dass „Win-Win-Situationen” zu formulieren und zu kommunizieren seien, wenn die Stadterweiterungen überhaupt bei jenen, die im Umfeld wohnen, Akzeptanz finden sollen. Die Identifikation von unterschiedlichsten Zielgruppen, das Erkennen ihrer jeweiligen Bedürfnisse und Ansprüche und deren Umsetzung in Planung von Infrastruktur und Stadtquartieren seien Voraussetzungen für den Erfolg. Seit 25 Jahren hat urbanPR viele solcher Kommunikationskonzepte für große und kleine Stadterweiterungen erarbeitet und umgesetzt. Es sind dabei immer lebendige und nachgefragte Quartiere entstanden.

Ein Dilemma: Politik und Verwaltungen können aus ihrer Fürsorgepflicht für die gesamte Kommune keine solche auf Abgrenzung, Unterscheidung, letztlich Konkurrenz zielenden Kommunikationskonzepte für zu entwickelnde Räume erarbeiten und umsetzen. So fordert Rainer Nagel eine „integrierte Gesamt-Projektverantwortung durch Entwicklungsträger”. Und mit denen hat Berlin – unter dem Strich – bereits gute Erfahrungen gemacht.

Auf der Silicon-Allee zum Boom?

Emerging Trends in Real Estate”, die seit zehn Jahren vom Urban Land Institute ULI mit Pricewaterhouse Coopers durchgeführte Ranking-Studie der Immobilienmärkte in Europa erkennt in diesem Jahr München und Berlin die Spitzenplätze zu. Die großen Hoffnungsträger der Branche, Istanbul und Warschau, wurden vom Podest gestoßen. Deutsches Betongold strahlt nun europaweit und wird, wenn nichts dazwischen kommt, noch weitere Investoren anziehen.

An München erkennt die Studie Zukunftschancen in den Bereichen Biotechnologie, Umweltwissenschaften und Medien. Die demografischen Voraussetzungen seien blendend, die Kaufkraft der Bevölkerung hervorragend. – „Silicon-Allee” sagen jetzt Insider, wenn von Berlin die Rede ist, so die Studie von ULI und PWC: 15.000 neue Unternehmen im Technologiebereich mit einem Umsatz von 19 Mrd. Euro hätten zur Reputation als Technologiestandort mit Alleinstellungsmerkmalen beigetragen. Eine neue Schicht von Spezialisten lässt die Nachfrage nach Wohnraum steigen. Die Reputation als Kulturmagnet wird weiter für hohe Besucherzahlen und eine entsprechende Auslastung der Hotels sorgen.

Überraschend um sieben Ränge wieder aufgestiegen ist London, das als globaler „sicherer Hafen” weniger von europäischen Krisen berührt erscheint. Doch sei gerade mit dem Finanzdienstleistungsgeschäft aus Immobiliensicht kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Marktchancen eröffnen sich im Technologiebereich und in der Kreativ-Wirtschaft. – In den vergangenen zehn Jahren soll „Emerging Trends in Real Estate” jeweils zu 80 Prozent richtig gelegen haben, belegt eine Untersuchung der Universität Tilburg. – Die Studie kann hier als PDF-Dokument herunter geladen werden.

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